Zukunftsvision Qualitätsboulevard? Eine Qualitätsdebatte des Online-Journalismus am Beispiel des SPON

„Der Journalismus, dem sich die meisten Sites verschrieben haben, strebt nach dem Ideal einer standardisierten, mechanistischen, geradezu unoriginellen Berichterstattung, die bei peinlich genauer Befolgung des Instrumentariums und gezielter Anwendung des Handwerkzeugs stabile Quoten verspricht.“ “Klicks, Quoten, Reizwörter: Nachrichten-Sites im Internet – Wie das Web den Journalismus verändert” – Friedrich-Ebert-Stiftung

Während bei Print-Redaktionen der Erfolg einer Ausgabe durch den Absatz der gedruckten Exemplare messbar ist, so dient Online Nachrichtenportalen die Klickrate der Leser als maßgebliche Orientierung. Die Quote eines Artikels ist für den Redakteur der Kontrollfaktor für dessen Erfolg. Die Klickraten repräsentieren die Gesamtheit der Nutzer, so ist der Erfolg oder Misserfolg eines journalistischen Erzeugnisses über die gesamte Reichweite direkt messbar. Ein Artikel kann nur kurze Zeit nachdem er online gegangen ist, entfernt und durch einen erfolgversprechenderen Artikel ersetzt werden. Sich nicht dem „Diktat der Quote“ zu unterwerfen, sondern weiterhin auf die Qualität der Inhalte statt auf die Quantität der Klicks zu setzen, ist für Online-Nachrichtenportale eine große Herausforderung.  Websites renommierter deutscher Verlagshäuser, wie dem SPIEGEL-Verlag, verschreiben sich jedoch verstärkt den journalistischen Prinzipien des Boulevardjournalismus, um Quotenerfolge zu verbuchen.


SPIEGEL ONLINE – kurz SPON

Die Website SPON wurde 1994 gegründet und verdankt ihren Erfolg einer Balance aus Information und Unterhaltung, die bisweilen ausgewogen schien. Die Kombination aus hauptsächlich journalistisch anspruchsvollen Erzeugnissen, gepaart mit boulevardesken Elementen, sicherte dem SPON seit der Gründung  die Vormachtstellung als einem der frequentiertesten Online-Nachrichtenportale Deutschlands. Mit durchschnittlich 173 Millionen Besuchern pro Monat im Jahr 2012 festigt der SPON diese Position als überdurchschnittlich beliebtes Nachrichtenportal im Netz. Die Anzahl der Unique User lag im Jahr 2012 im Durchschnitt bei 11,2 Millionen monatlich. Aktuelle Angaben aus dem Januar 2013 bestätigen diese Zahlen (siehe Grafik).

Ausschnitt AGOF Ranking  TOP 50 Nachrichten-Websites - Quelle: http://meedia.de/internet/agof-news-top-50-raus-aus-dem-feiertagsloch/2013/03/13.html

Ausschnitt AGOF Ranking TOP 50 Nachrichten-Websites – Quelle: http://meedia.de/internet/agof-news-top-50-raus-aus-dem-feiertagsloch/2013/03/13.html

Obwohl die Statistiken den SPON weiterhin als eines der präferierten Online-Nachrichtenportale listen, gerät die Seite zunehmend in die Kritik zahlreicher Leser und Medienjournalisten wie Stefan Niggemeier, die die inhaltliche Entwicklung des Portals der letzten Jahre monieren. Laut ihrer Kritik, findet zunehmend eine Boulevardisierung der SPON-Inhalte statt und politisch sowie gesellschaftlich relevante Themen werden dem „Primat der Unterhaltung“ unterworfen. Ob der SPON demnach noch immer seine Stellung als „Seismograph unserer Tage für Journalisten“ innehat, so wie es 2004 der renommierte Journalist Hans Leyendecker definierte, oder ob Leyendeckers damalige Beobachtung, der SPON sei “manchmal etwas zu boulevardesk” mittlerweile Überhand genommen hat, soll im Folgenden diskutiert werden.

Präferenz der Leserschaft durchlebt Wandel

Bei der der heutzutage vermehrt aus Digital Natives bestehenden Leserschaft ist tatsächlich ein geändertes Mediennutzungsverhalten zu beobachten. Das Informationsbedürfnis scheint schneller befriedigt werden zu wollen und der Fokus liegt verstärkt auf ereignisgetriebenen Informationen, als auf purem Faktenwissen. Laut Katharina Borchert, CEO des SPON, wird diese „Gier“ der Leser von journalistischer Seite befeuert, da die Journalisten schlicht und ergreifend wüssten, „dass es funktioniert“. Bei den Lesern will zudem der unmittelbare Bezug zum eigenen Leben hergestellt werden. Das Internet bedient genau diese geänderten Bedürfnisse der Leserschaft. Es sei der Tageszeitung in Punkto Aktualität, Schnelligkeit und Überblick einfach überlegen, so Katharina Borchert. Zur „neuen Königsdisziplin“ und Repräsentation einer neuen Art von Echtzeitberichterstattung habe sich der Live-Ticker entwickelt: „Ein Live-Ticker kann ein sehr wertvolles, hochspannendes Instrument in der Berichterstattung sein. Das wird derzeit aber arg überstrapaziert. Das beste Beispiel ist eine deutsche Tageszeitung, die den Tod einer Giraffe live im Zoo getickert hat“.

Schnelligkeit und Aktualität

Das geänderte Mediennutzungsverhalten der Leserschaft stellt nicht nur den SPON, sondern auch zahlreiche andere Online-Nachrichtendienste vor eine große Herausforderung. Die Leser haben zudem an Macht gewonnen, indem sie online direkt auf Artikel reagieren, sie stetig mit aktuellen Informationen füttern – aber auch auf Fehler hinweisen können. Die verantwortlichen Autoren müssen sich heute unmittelbarer mit der Kritik der Leser auseinandersetzen und die Informationen nachhaltiger prüfen, um die Leserschaft auch langfristig durch qualitativ hochwertige journalistische Arbeit an sich zu binden. Die Netzgemeinde arbeitet wesentlich schneller als die Zeitungen, wie das Beispiel des zurückgetretenen Ministers Guttenberg verdeutlicht. Das Zusammentragen von Beweisen des ihm vorgeworfenen Plagiierens erfolgte im Internet im Minutentakt. Die stetige Aktualisierung der Beweislage ist im Netz nicht nur schneller, sondern auch mit weniger Aufwand zu realisieren.

Die Tatsache, dass das Internet einem hohen Aktualitätsanspruch genügt, ist gleichzeitig Segen als auch Fluch. Informationen müssen schnell verarbeitet werden, um den konkurrierenden Redaktionen einen Schritt voraus zu sein und keinen Nutzerverlust aufgrund mangelnder Aktualität zu verzeichnen. Dennoch sollten die Informationen geprüft und nicht nach dem Stille-Post-Prinzip übernommen werden. Diverse Beispiele belegen allerdings, dass beim SPON nicht selten Artikel exakt nach diesem Prinzip gefertigt werden. Gerade der SPON ist durch eine Vielzahl weiterer Nachrichtendienste einer hohen Konkurrenz ausgesetzt und darf trotz des stetigen Drucks, aktuelle und geprüfte Informationen zu liefern, nicht an Qualität einbüßen.

Was will der Leser wirklich?

Wollen die Leser eher umfangreich informiert werden, oder beschränkt sich ihr Bedürfnis eher darauf, gut unterhalten zu werden? Ist im Idealfall eine Kombination aus beidem möglich, ohne eine boulevardeske Tendenz einzuschlagen?

Durch die „Fülle und Komplexität unserer Welt heute“ sei es laut Borchert kaum noch möglich, alles genau zu durchdringen, was außerhalb des unmittelbaren eigenen Interessensgebietes liegt. Es werde immer schwieriger, Themen wirklich zu erschließen. „Ich kann schon verstehen, warum viele Leute irgendwann kapitulieren und einfach nur froh sind, wenn sie ungefähr wissen, was gerade so los ist“, so Borchert.


Einfluss der Digitalisierung

Durch die im Zuge der Digitalisierung entstandenen Distributionswege erhöht sich die mögliche Reichweite journalistischer Arbeit. Durch Apps für Smartphones und Tablet-PCs sind die Inhalte ständig von allen Nutzern, welche über solch eine Anwendung verfügen, abrufbar. Um erfolgreich zu bleiben, muss das Geschäftsmodell der traditionellen Medien überdacht und an die Gegenwart angepasst werden. Das unterstreicht auch Medienjournalistin Mercedes Bunz in ihrem Buch „Die stille Revolution“.  Zudem, und das ist in dem Kontext einer Qualitätsdebatte des Online-Journalismus besonders zu berücksichtigen, muss die Rolle des Journalismus neu definiert werden. Dabei ist es unerlässlich, die Rezeptionssituation der Leser mit einzubeziehen, die Inhalte mobil abrufen und nicht mehr ausschließlich ein Medium konsumieren, sondern simultan unterschiedliche Nachrichtenquellen nutzen.

Durch die zunehmende Digitalisierung der Presse droht der SPON den gedruckten SPIEGEL an Reichweite zu überholen, denn während der SPON stets wächst, verzeichnet die Print-Ausgabe einen kontinuierlichen Verkaufsrückgang. Im Jahr 1989 lag der Absatz des Magazins noch bei knapp über einer Million Exemplare pro Ausgabe. Diese Zahl blieb zwar auch im Zuge der Digitalisierung weitestgehend stabil. Die Millionenmarke wurde jedoch seit 2010 nicht mehr geknackt.

Qualität ist nicht vom Medium abhängig

Durch die Digitalisierung werden die traditionellen Strukturen des Journalismus grundlegend in Frage gestellt. Es ist jedoch bedeutend zu erkennen, dass die Online-Redakteure keine Konkurrenz für die Arbeit der Print-Redakteure darstellen, sondern als Bereicherung dieser dienen. Die Digitalisierung bietet die Chance, Geschichten auf eine völlig neue, intensivere Art und Weise zu erzählen. Der Online-Journalismus als Untergruppe des Journalismus bietet dem Journalisten durch die Konvergenz der einzelnen Sektoren wie audio-, video und textbezogener Arbeit gegenüber dem Print-Journalismus eine deutlich höhere kreative Vielfalt. „Es ist das spannendere Medium. Ich habe viel mehr Möglichkeiten, mehr Ausdrucksformen […], habe keine starre Zeilenbegrenzung. Es ist unmittelbar, verlinkbar, social, es wird geteilt,  kommentiert und diskutiert. Ich würde es nicht missen wollen“, so Borchert. Bedingt durch die verstärkte Multimedialität und die Implementierung von Audio- und Videodateien steigt der Unterhaltungswert für die Leser deutlich. Ebenfalls vorteilhaft für Verfasser sowie Leser ist, dass sich die Online-Inhalte theoretisch über einen unbegrenzten Zeitraum abrufen lassen. Was man online verfasst hat, könne man auch in fünf Jahren noch aufrufen und Print hingegen „wird zu Altpapier“. Eine Weiterentwicklung für den Leser gegenüber dem Print-Journalismus ist zudem die zielgerichtete Informationsbeschaffung bei der Suche im Online-Content. Bei Interesse für ein bestimmtes Thema gibt es oft die Möglichkeit, durch verlinkte Inhalte zielgerichtet detailliertere Informationen zu erhalten.

Es scheint aber noch immer fest verankert in den Köpfen vieler Leute, dass Printmedien automatisch für eine höhere Qualität der Inhalte stehen als Online-Medien. Dabei sind die Kennzeichen von Qualitätsjournalismus formübergreifend und nicht von einer bestimmten Darstellungsform journalistischer Inhalte abhängig. Doch was bezeichnet der so genannte Qualitätsjournalismus überhaupt? Ist eine Unterscheidung in Qualitäts- und Boulevardjournalismus überhaupt noch zeitgemäß und sollten die Leser nicht den Anspruch stellen, dass jedwede Form des Journalismus einem hohen qualitativen Anspruch genügt? Eine Definition von Qualität des Journalismus ist schwierig zu fassen, denn wenn sich die Begriffsbestimmung des Journalismus an sich ändert, verschiebt sich auch das Empfinden von Qualität, so Mathias Spielkamp, Projektleiter von iRights.info. Die Tatsache, die zahlreiche Redaktionen dazu verleitet, eine boulevardeske Tendenz einzuschlagen, ist, dass man mit Qualitätsjournalismus vermeintlich nicht so viel Aufmerksamkeit erregen kann, wie mit spannungsgeladenen Inhalten, die eine leichte Kost für den Leser darstellen. „Welchen Leser interessieren noch die Folgen eines weiteren Anschlags in Nahost?“, fragt sich der Publizist Dr. Wolfgang Storz. Der „Neuigkeitswert“ fehlt bei derartigen Meldungen ab einem gewissen Zeitpunkt und die Aufmerksamkeit der Leser ist nur noch schwer zu erreichen.

Ein Definitionsversuch

Qualität ist der Maßstab einer journalistischen Leistung, die für ein bestimmtes Publikum erbracht wird. Diese wird laut der Bundeszentrale für politische Bildung gemessen an der Informations-, Orientierungs-, Integrations-, Kritik- und Kontrollfunktion. Desto eher diese Funktionen erfüllt sind, umso qualitativ hochwertiger ist ein Artikel. Die Informationsfunktion steht für das Verarbeiten von gesellschaftlich und politisch relevanten Themen. Die Orientierungsfunktion dient der Gewichtung der einzelnen Themen. Mit der Integrationsfunktion wird ausgedrückt, wo Schnittstellen zwischen dem Autor und den Lesern bestehen. Durch die Kritik- und Kontrollfunktion wird eine gegebenenfalls negative Wertung der dokumentierten Ereignisse vorgenommen. Ein Artikel zu einem aktuell politisch diskutierten Thema mit einem hohen Nachrichtenwert, der essentielle, neuwertige Informationen beinhaltet, thematisch eine Faszination für Autor sowie Leser darstellt und kritisch hinterfragt, würde diesen Kriterien gerecht.

Als Qualitätsmedium kann sich ein Nachrichtenportal dann bezeichnen, wenn es als Referenzmedium für andere Journalisten dient. Dass aber in vielen Redaktionen auch die Inhalte der BILD-Zeitung orientierungsgebend sind, zeigt, dass ein häufiges Verweisen oder Zitieren durch andere Medien nicht immer auf Qualität schließen lässt.


Der Journalist im Wandel

Die zahlreichen Möglichkeiten, die durch die Digitalisierung gewonnen wurden, dürfen allerdings nicht die oft prekäre Situation der Journalisten beschönigen. Für diese wird es immer schwieriger, ausschließlich von ihren journalistischen Erzeugnissen zu leben und keinen weiteren Tätigkeiten nachzugehen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In einer Zeit, in der jeder Nutzer zum Hobby-Journalisten werden kann, ist es für die ausgebildeten Journalisten schwieriger geworden, sich durch ihre Beiträge abzuheben. Nachrichtendienste stellen ihre Informationen kostenlos zur Verfügung und drohen damit, die Leistungen der Journalisten teilweise zu ersetzen. Zudem werden die Journalisten, so bemerkt es auch Prof. Dr. Lilienthal, Inhaber der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus, immer zurückhaltender, nehmen eine „defensive Haltung“ an. Sie passen sich an, um keine Reibungsfläche zu bieten und nehmen sich in subjektiven Urteilen zurück, auch wenn sie diese durch tiefgehende Recherche begründen könnten. Die Existenzangst vieler junger Journalisten ist der Grund dafür, weniger Profil zu zeigen. Um dem Erfolgsdruck standzuhalten und keine Entlassung – die auch auf öffentlichen Druck hin stattfinden kann – zu riskieren, bleibt man auf der sicheren Seite und betreibe lieber „Mainstreamjournalismus“, wie es ein ehemaliger Ressort-Leiter des SPIEGEL beschreibt.

Ob es einer gesonderten Ausbildung für den Beruf als Online-Journalist bedarf, ist diskutabel. Das grundlegende Handwerk, sowie die ethischen Grundsätze des Berufes, seien bei Print-, sowie Online Journalismus gleich, so Katharina Borchert. Die Online-Skills, die den Digital Natives vermeintlich in die Wiege gelegt wurden und den meisten von ihnen in Fleisch und Blut übergegangen sind, befähigen aber noch lange nicht zu einer Tätigkeit als Online-Journalist. Der Umgang mit Leserkommentaren, die Einbindung von Social Media, die Suchmaschinenoptimierung und essentielle technische Grundkenntnisse als Voraussetzungen für eine Tätigkeit als Online-Redakteur, müssen oft noch dazu gelernt werden. In dieser Hinsicht sei vieles „nicht selbstverständlich“ und sollte Teil einer spezifischen Ausbildung sein, so Borchert.


SPON in der Kritik

Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung untermauert das Empfinden zahlreicher Leser, dass nicht nur der klar boulevardesk-lastige Online-Auftritt der BILD durch Faktoren wie Prominenz, Sex und Tratsch an Reichweite gewinnt. Auch bei dem Online-Auftritte des SPON soll sich vermehrt an dieser Art von Reichweite-stärkenden Faktoren bedient werden. Der Kern der Kritik liegt darin, dass Themen, denen keine stichhaltigen Informationen zu Grunde liegen, aufgeblasen werden, um die Aufmerksamkeit der Leser zu erlangen. Die SPON-Autoren flechten zudem in einige ihrer Artikel Attribuierungen ein, welche die Interpretationsfreiheit des Lesers durch fehlende Neutralität einschränken. Die Schlagzeilen der SPON-Artikel haben teilweise eine spekulative, gar reißerische Tendenz, welche zum Beispiel deutlich wird, wenn in Bezug auf Fukushima von „Strahlenbrühe“ gesprochen wird. Bei derartigen Überschriften hat das Generieren von Aufmerksamkeit oberste Priorität und der eigentliche Nachrichtenwert rückt in den Hintergrund. Martin Eiermann, der stellvertretende Chefredakteur des „The European“ sieht das Online-Nachrichtenmagazin durch ebensolche journalistische Ausdrucksweise in seiner Position als deutsches Leitmedium gefährdet. Laut Eiermann stehen beim SPON aktuell weniger die Inhalte im Vordergrund als plumpe „Phrasendrescherei“.  Bei dem SPON werde Themen häufig eine hohe Wichtigkeit zugeschrieben, die zwar von anderen Medienvertretern zuvor aufgegriffen wurden, dadurch aber noch lange keine Legitimation zur journalistischen Weiterverarbeitung bieten.

Diese Meinung wird in der Blogosphäre weites gehend geteilt. Dort hat der SPON einen deutlichen Reputationsverlust zu verbuchen. Webseiten wie spiegelkritik und spiegelblog setzen sich kritisch mit den Inhalten des SPON auseinander. Vermehrt in die Schusslinie geraten SPON-Berichte über vermeintliche Berühmtheiten, deren Daseinsberechtigung im öffentlichen Leben nur durch zweifelhafte TV-Auftritte besteht. Durch das Zubilligen von Aufmerksamkeit solcher Persönlichkeiten, gibt der SPON einer Sorte von Personen, übergreifend sogar einem ganzen Themenfeld Aufmerksamkeit, dem es als faktenorientiertes, nachrichtliches Leitmedium eigentlich keine Plattform geben sollte. Es wird sogar der Vorwurf laut, dass Informationen ungeprüft in einen Artikel eingebunden und somit falsche Fakten an den Leser weitergegeben werden. Als ein Beispiel dafür dient ein Artikel über den Tattoo-Szene Star Kat von D, in dem sie sich laut SPON 400 Tattoos binnen 24 Stunden gestochen haben soll, dabei war sie diejenige, die die Tattoos an Fremden stach. Wenn sich diese offenbar wenig engagierte Recherche auf Artikel gesellschaftlich relevanter Thematiken überträgt, ist dies mehr als ärgerlich für den Leser. Eine aktuelle Studie der Technischen Universität Darmstadt über das Nutzungsverhalten von Mitgliedern sozialer Netzwerke zeigt, dass SPON-Artikel, sowie Beiträge von BILD online, besonders gerne von den Nutzern geteilt werden. Die Linie, die der SPON verfolgt, scheint bei der breiten Masse auf Zustimmung zu stoßen. Ob diese hohe Akzeptanz der Leser auf „halbseidene Bildergalerien […] [und] krachlederne Sprache“ zurückzuführen ist, ist von den Präferenzen der Leser abhängig.

Panorama-Ressort Schuld?

Die Kritik an SPON beläuft sich jedoch maßgeblich auf das Ressort Panorama, welches in den letzten Jahren kontinuierlich ausgebaut wurde. Die Anzahl der Artikel in ebendiesem Ressort ist höher als in den Sparten Politik – Deutschland und Politik Ausland; dies ergab ein wissenschaftliches Forschungsprojekt aus dem Jahr 2010. In diesem Zusammenhang sollte jedoch berücksichtigt werden, dass Beiträge, die besagtem Ressort zugeordnet werden, zumeist schneller zu verfassen sind als Polit-Beiträge und demnach die Anzahl höher sein kann. Die Leser werden hauptsächlich dazu verleitet, die Panorama Beiträge zu lesen, weil sie weniger komplex als die des Politik- oder Wirtschaftsressorts sind und den Intellekt der Leser nicht fordern. Doch auch wer selbst Kritiker der bunten Panorama Sparte ist, liest die Inhalte, wenn auch nur beiläufig, so bestätigt von SPON Geschäftsführerin Katharina Borchert: „Kürzlich sagte jemand zu mir, er fände das total toll, dass unser Börsenticker immer ungefähr auf Höhe des Panoramaressorts ist, weil er so Morgens bei der Arbeit in der Bank als aller erstes unsere bunten Panorama Nachrichten lesen, aber immer noch behaupten kann, eigentlich hätte er nur auf den Börsenticker geguckt“.

Problematisch wird es nur, wenn der SPON mit Artikeln aufwartet, in denen Prominente thematisiert werden, deren Namen die Zielgruppe womöglich noch nie gehört haben (siehe Beispiel 2). Eine auf SPON oft erwähnte Person des öffentlichen Lebens ist der US-Reality Star Heidi Montag, die durch nichts weiter als einen Schönheits-OP Marathon und die Teilnahme in einer US-amerikanischen Pseudo- Dokumentation von sich Reden gemacht hat. Es ist fraglich, ob Informationen, die mit dieser Person in Verbindungen stehen, von Relevanz für die SPON Leser sind. Ebenfalls problematisch ist es, wenn auf SPON Bilderstrecken von Online-Klatschmagazinen übernommen werden, in denen ,berühmte’ Personen erscheinen, die in Deutschland nur einen kleinen bis gar keinen Bekanntheitsgrad genießen. Zudem wird der Vorwurf laut, der SPON verwende in besagtem Ressort Überschriften, die sich durch zu gut gemeinte Wortspiele dem Leser nicht immer erschließen (siehe Beispiel 1 + 3).

Beispiele:
1.
2.
3.
Zweitverwertung von Inhalten

Wer zuerst berichtet, steigt in der Gunst der Leser. Verständlicherweise möchte der SPON keinen Verlust der Leserschaft verbuchen, indem er nicht als erster Online-Nachrichtendienst neue Meldungen aufgreift. Im selben Atemzug ist es aber auch wichtig, die Informationen mit einer gewissen Seriosität aufzuarbeiten und sie nicht schlichtweg von anderen News-Medien ungeprüft zu übernehmen. So wie schon mehrfach geschehen im Panorama-Ressort des SPON, bei dem oft eine Zweitverwertung von Inhalten anderer Klatsch-Seiten stattfindet. Besonders beliebt sind bei den SPON-Redakteuren die Inhalte der Dailymail und der britischen THE SUN. Themen, die in der Daily Mail nur als Randnotiz verarbeitet werden, dienen dem SPON zeitweise als Aufhänger, ohne die Informationen gründlich zu prüfen oder zu hinterfragen. Natürlich ist es nicht verwerflich, sich inhaltlich an anderen Magazinen zu orientieren, um Themen zu beleuchten, die bereits in aller Welt diskutiert werden. Doch es ist sicherlich erstrebenswerter, diese Themen eigenständig auf die Agenda zu setzen, ohne sie von anderen Medien der Klatschwelt zu adaptieren. Beispiel 4 zeigt einen Artikel, bei dem der SPON das pinke Handy mit Hasenohren der in Deutschland eher weniger bekannten Helena Bonham Carter in den Titel setzt. Es wird als Ergänzung sogar eine Bildstrecke angeboten, in der das entsprechende Handy aber nicht mal abgebildet ist. Liest man aber den originalen Artikel der Daily Mail, stellt man fest, dass das pinkfarbene Handy noch nicht mal zu der Schauspielerin gehörte.

Beispiel:
4.
Geheimwaffe Klickstrecke

Zum Erweitern der Klickzahlen sind bunte Bildergalerien in Form von Klickstrecken beim SPON äußerst beliebt. Der Leser muss oft weit über 20 Mal klicken, um eine bestimmte Bilderserie komplett zu erfassen. Die enorme Anzahl von Klicks, die sich dadurch generieren lässt, beschert dem SPON eine hohe Pageimpression – also viele Seitenaufrufe innerhalb einer Website. Viele Klicks erhöhen die Attraktivität für Werbekunden – also sind Klickstrecken eine durchaus lukrative Angelegenheit. Unter dem Deckmantel einer besseren inhaltlichen Übersicht bedienen sich fast alle deutschen Online-Nachrichtenportale dieser Methode. Von einem inhaltlichen Mehrwert für den Nutzer kann in diesen Fällen aber selten zu sprechen sein, da das eigentliche Thema meist nur auf zwei Bildern thematisiert wird und die restlichen Fotos ein Sammelsurium aus annähernd verwandten Inhalten ist.

Spannung um jeden Preis?

Für Stefan Niggemeier steht besonders das künstliche Erzeugen von Spannung bei Artikeln des SPON im der Kritik. Er wirft dem SPON vor, spannungsgeladene Inhalte von anderen Zeitschriften zu adaptieren, nur weil sie das Etikett „spannend“ tragen, missachtend ihres inhaltlichen Wertes. Die Schwierigkeit dabei ist laut Niggemeier nur, dass ein mit Spannung erwartetes Ereignis, das journalistisch auch so präsentiert wurde, bei Eintreten gar nicht mehr so aufregend ist. Ein weiteres Problem ist, dass sich aus manchen Inhalten gar keine spannenden Geschichten erzählen lassen, der SPON es aber trotzdem versucht und daran scheitert. Ein Beispiel liefert Stefan Niggemeier anhand seiner Kritik des SPON Artikels zur Wahl des ZDF-Intendanten Thomas Bellut, bei der der Aspekt der Spannung schlichtweg nicht im Vordergrund steht. Die Spannungslosigkeit der Intendantenwahl wird dann aber zum Hauptthema des Artikels und interessante Aspekte, die einer vertiefenden Behandlung gebühren, werden ausgelassen, wie zum Beispiel die fehlende Transparenz der Intendantenwahl. Niggemeier konstatiert zu Recht, dass eine Intendantenwahl nicht den Anspruch hat, spannend zu sein. Sogar der Ort, an dem die Intendantenwahl stattgefunden hat, schien dem Verfasser des Artikels langweilig, denn er merkt an, dass das Spannendste, was an diesem Ort passiert sei, der Überfall während eines Pokerturniers war. Warum er den Anspruch erhebt, dass ein Raum zur Intendantenwahl spannend sein muss, erwähnt der Autor hingegen nicht. An diesem Beispiel macht Niggemeier deutlich, dass die „Ansprüche, die »Spiegel Online« an die Welt hat, […] dramaturgischer, nicht inhaltlicher Natur“ seien.
Laut Wolfgang Blau, Chefredakteur der ZEIT, gibt es zweierlei Ziele einer Nachrichtenseite: Entweder die qualitativ hochwertigste zu sein, oder die mit der höchsten Reichweite, ohne auf ein qualitatives Alleinstellungsmerkmal zu pochen. Beides in Kombination schließt sich seiner Auffassung nach jedoch aus. Möchte man als Online-Redakteur mit seiner Seite möglichst viele Leser erreichen, ist eine zumindest teilweise Boulevardisierung der Inhalte unabdingbar, so Blau. Diese Boulevardisierung stellt allerdings eine Gefahr für renommierte Nachrichtenmagazine dar, denn eine boulevardeske Tendenz kann laut Wolfgang Blau zu einer „Verwässerung der Inhalte“ führen und somit wiederum kontraproduktiv für die Klickzahlen sein. Eine reine Finanzierung über Werbung bedingt eine hohe Reichweite – diese versucht der SPON durch eine möglichst hohe Bandbreite an Artikeln zu erreichen. Umso mehr Artikel verfügbar, desto höher die Chance, dass die potentiellen Leser durch eine Suchmaschine auf die Seite gelangen. Traditionelle Verlagshäuser, die online eine stärkere boulevardeske Färbung haben als in ihrer Print-Ausgabe, missachten die Tatsache, dass absolute Reichweiten nicht alles sind, denn Werbekunden können theoretisch auf zahlreiche andere Angebote zurückgreifen als auf journalistische Seiten, um ihre Produkte einem möglichst großen Publikum zuträglich zu machen, so Blau.


Zukunft Qualitätsboulevard?

Qualitätsboulevard ist ein journalistisches Konstrukt, gekennzeichnet durch “blumige Sprache, […] tendenziöse Themendarreicherung [und] [einen] bunte[n] Themenmix.” Stellt diese Form des Journalismus die Zukunft des SPON dar? Zumindest laut Eiermann handelt es sich beim SPON nicht selten nur noch um „aggregierten Informationsbrei“. Fest steht, dass eine Boulevardisierung der Inhalte stattfindet, um die Leserschnittmenge zufrieden zu stellen – nicht nur im Panorama-Ressort. Die journalistischen Möglichkeiten, die den Redakteuren zur Verfügung stehen, werden nicht immer in ganzem Maße genutzt, sondern oft bewusst verweigert, um schneller zu einem Ergebnis zu gelangen, das auf die Zustimmung der breiten Masse trifft. Dies gelingt eher, wenn man auch Artikel einbindet, die nicht den Anspruch eines tiefgreifenden Polit-Reports oder einer mehrseitigen Reportage stellen. Der durchschnittliche Leser möchte zwar über die aktuellen, gesellschaftlich relevanten Themen informiert sein, aber den SPON stets mit einem positiven Gefühl konsumieren: Bloß keine Überforderung beim Lesen! Diesen Bedürfnissen passen sich die Artikel des SPON teilweise an. Da die Inhalte auf SPON als Orientierung für andere Nachrichtenmagazine dienen, ist es unabdingbar, dass diesen Artikeln eine ausführliche Recherche zugrunde liegt. Denn die Themen, welche von den SPON-Redakteuren als relevant eingeordnet werden, sind für die Redaktionen anderer Nachrichtendienste, online sowie offline, richtungsweisend. Der SPON gilt als der Agenda-Setter der Nachrichtensphäre und sollte seine Themenauswahl auch dementsprechend rücksichtsvoll auswählen und journalistisch darstellen. Dabei ist es aufgrund des geänderten Mediennutzungsverhalten der Nutzer notwendig, auch tendenziös boulevardesk zu berichten. Trotzdem sollten die journalistischen Grundprinzipien wie Objektivität, Sorgfalt, Wahrhaftigkeit und der Verzicht auf Sensationsberichterstattung eingehalten werden.

Maya Marquardt

 

Vom Monolog zum Dialog – Crossmedia im Zeitalter der Digitalisierung

„Wir befinden uns in der größten Medienrevolution seit Gutenberg.“ (Hubert Burda 2007

Bücher werden zu eBooks, Schreibmaschinen zu Tablet-PCs, Briefe zu Emails – Die Medienrevolution ist allgegenwärtig. Ihr Anführer heißt Internet, seine Anhänger sind wir – Du und ich, der Mann mit in der S-Bahn und die Frau im Café, die Studenten in der Bibliothek und der Nachbar im 3. Stock. Als neues Medium par excellence ist das World Wide Web aus unserem Alltag heute nicht mehr wegzudenken: Wir loggen uns ein, wir twittern, followen, posten, wir mailen, kommentieren und scrollen. Während sich immer weniger Menschen tagtäglich durch die Welt blättert, klickt sich die Mehrheit auf 13 Zoll durch sie hindurch und in sie hinein. Wir wollen nicht mehr einfach bloß blättern und rezipieren, wir wollen partizipieren und produzieren. Wir wollen die Welt mitgestalten. Continue reading