Internet kills the Radiostar

– von Elena Vohl und Maritta von Wolfframsdorff – 

Um den Radiojournalismus ist es in Deutschland nicht gerade gut bestellt. Seine Zukunft ist alles andere als rosig. Der analoge UKW-Rundfunk feierte 2010 seinen 60. Geburtstag. Aber der technische Fortschritt sitzt ihm im Nacken und ob er seinen 70. Geburtstag noch erleben wird, steht in den Sternen. Unaufhaltsam entwickelt sich die Medienlandschaft weiter und durch die Digitalisierung und die veränderte Mediennutzung steht die Radioindustrie vor einem großen Umbruch.

Die Verschmelzung von Internet und Radio bedroht die Existenz der klassischen Radiojournalisten und ihrem Medium. Aufgrund von Blogs, Social Media, Twitter und anderen Internetdiensten haben Journalisten ihre Vormachtstellung als alleinige Nachrichtenmacher und Gatekeeper verloren. Wozu noch Journalismus bzw. Journalisten, wenn doch heutzutage jeder Hinz und Kunz die Arbeit verrichten kann, die einst ein Privileg ihrer war? Jegliche Kontrolle über Publiziertes gleitet den Journalisten und Nachrichtenagenturen aus den Händen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis echter Qualitätsjournalismus in Deutschland endgültig aussterben wird. Im digitalen Alltag bleibt keine Zeit mehr für ausführliche Recherche, für Gegenlesen und tiefer greifenden, investigativen Journalismus. Alles was zählt ist Geschwindigkeit – Erster zu sein. Die Nutzerzahlen von Webradioangeboten steigen jährlich. Immer mehr Onliner nutzen Webradiodienste. Mehr als 3.000 Webradioangebote zählt die Bayrische Landeszentrale für neue Medien im Jahr 2012. Wer schaltet da noch das Küchenradio ein? Bei einer so großen Sendervielfalt versenden sich aber natürlich auch wichtige Inhalte im World Wide Web und eine Nachrichtenflut überschwemmt die wirklich bedeutsamen Inhalte. Wer bietet uns Lesern und Hörern in dieser digitalen Welt Anker der Verlässlichkeit? Wer sichert Qualität? Abgesehen davon wird das Webradio die Gesellschaft auf kurz oder lang in zwei Lager teilen – jung und alt. Wo einst Familien zusammen saßen, um dem Radio zu lauschen, da wird in Zukunft jeder einzeln sein eigenes Programm hören. Damit geht eine wichtige soziale Funktion des Mediums verloren.

Auch finanziell ist das Radio dem Untergang geweiht. An jeder Ecke nehmen Medienunternehmen Kürzungen vor und auch Radiojournalisten werden davon nicht verschont bleiben. Nachrichtenagenturen und Zeitungen schreiben bereits rote Zahlen. Die dapd, eine der größten Nachrichtenagenturen weltweit, setzte im Oktober dieses Jahres ein Insolvenzverfahren in Gang. 40 Kündigungen wurden allein in diesem Monat bei der Westdeutschen Zeitung ausgesprochen und speziell freie Journalisten in allen Medienbereichen werden immer häufiger Opfer von Ausbeutung und bekommen den medialen Wandlungsprozess am eigenen Leib zu spüren. In Zukunft werden die einzelnen Mediengattungen noch weiter zu einem großen Einheitsbrei verschmelzen. Die Anfänge sind bereits heute sehr präsent. Wer aber kümmert sich in Zukunft um neue, dem Medienwandel gerecht werdende Regeln, Richtlinien und strukturelle Ordnungen? Wie sollen sich Journalisten in dem Chaos der cross- und multimedialen Arbeitswelt zurecht finden? Schon heute wird von einem Journalisten gefordert, dass er sich nicht nur mit dem geschriebenen oder gesprochenen Wort auskennt, sondern darüber hinaus wird ihm technisches Know-how und der kompetente Umgang mit Social Media und anderen Onlinediensten abverlangt. Die klassische Journalistenschule wird in den nächsten Jahren also komplett neu strukturiert werden müssen. Das Radio steht bereits mit einem Fuße im Grab und wenn es so weiter geht, wie in den letzten Jahren, sollten wir schon heute mit den Vorbereitungen für die Trauerfeier beginnen.

Geschichte des Radios in Deutschland

Das Radio besitzt in Deutschland wohl die gleiche Existenzberechtigung wie der Kühlschrank oder die Waschmaschine. Ähnlich selbstverständlich wird es im Alltag genutzt. Oder sollte man besser sagen, wurde es genutzt?

Ehe wir dieser Frage weiter auf den Grund gehen, sollte vorab geklärt werden, wo das Radio eigentlich her kommt und wie es seinen Weg in unser Zuhause fand. Wie zuvor das Buch, irritierte und schockierte in den 1920er Jahren eine nie da gewesene Form des Massenmediums das Land: der Rundfunk war geboren. Anders als zuvor, gab es nun einen völlig neuen Distributionsweg, der sich scheinbar unkontrolliert an viele Adressaten gleichzeitig richten konnte. Es muss wohl nicht erwähnt werden, welche Welle des Misstrauens in Regierungskreisen dadurch losgetreten wurde? Um möglichen Gefahren des neuen Mediums vorzubeugen, entstanden in Deutschland die Rundfunkanstalten unter Beteiligung der Landesregierungen. Somit unterlagen die Betreiber in ihrer Programmgestaltung strengsten Auflagen. Damit auch der Empfang des Radioprogramms kontrolliert werden konnte, war der Besitz eines Radios an eine Lizenz gebunden. Diese finanzielle Einschränkung sollte aber auch die kleinen Bürger nicht von ihrem „Recht auf Informationen“ abhalten; schließlich tauschten die Menschen zahlreiche Anleitungen zum Selbstbau von Radiogeräten aus und hörten notfalls einfach „schwarz“. Die Deutschen verbanden in den 1920er Jahren große Hoffnungen mit der grenzenlosen und vor allem grenzüberschreitenden Kommunikation. Doch bereits im Jahr 1932 konnte von einer Verstaatlichung des Rundfunks gesprochen werden – Hitler machte sich das Radio zur Zeit der Nationalsozialisten beispiellos zueigen und das Volk hatte nur eine Wahl: Entweder sie ließen sich von nationalsozialistischem Gedankengut verpesten, oder das Radio blieb eben aus. Da der Rundfunk als NS-Propagandainstrument genutzt wurde, kam es nach 1945 zu einem föderalistisch und öffentlich-rechtlichem Aufbau des Rundfunks. Die Alliierten setzten in den Westzonen das öffentlich-rechtliche Prinzip durch, ähnlich der britischen BBC. Die Sowjetischen Besatzungszonen setzten auf einen zentralistischen Staatsrundfunk. Das Radio wurde zum Kultfaktor und etablierte sich ohne akustische Konkurrenz. Der Rundfunk gewann schnell den Charakter einer übergeordneten Instanz und förderte das kollektive Bewusstsein der Menschen. In den 60er bis hin zum Ende der 80er Jahre hatten in Westdeutschland die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und in Ostdeutschland der Rundfunk der DDR eine Monopolstellung. Mitte der 80er konkurrierten in Westdeutschland erstmals auch private

Rundfunksender mit den öffentlich-rechtlichen. Ende der 80er kamen auch gemeinnützige freie Rundfunksender hinzu und es entstand der Begriff des „trialen Rundfunksystems“. Nach dem Mauerfall fusionierten Sender miteinander und es entstand eine breit gefächerte Radiolandschaft.

1995 kam es dann erstmals zu einer Kollision zwischen dem „guten, alten Radio“ und dem wiederum bahnbrechenden, aber irgendwie auch gefährlichen Medium, welches sich nun ebenfalls auf seinen Weg in die Häuser der Deutschen machte: das Internet. Das Info-Radio Berlin-Brandenburg veranstaltete gemeinsam mit der TU Berlin einen Streaming-Dienst. Drei Jahre später wurde die Medienöffentlichkeit langsam auf Streaming-Dienste aufmerksam. Immer mehr Radiosender streamten ihre Sendungen und selbstständige Webradios tauchten in der Medienlandschaft auf. 2010 gab es laut der BLM-Studie bereits rund 2700 Webradios – allein in Deutschland. Bei einem solchen Angebot und der überragenden Vielfalt an Sendern und Musikrichtungen im Internet prophezeien Skeptiker gerne einmal das Ableben des Radios; wer schaltet denn schließlich bei diesen Zahlen noch das Radio ein?

Aktuelle Nutzung und Entwicklung von Webradioangeboten

Durch den schnellen Ausbau des Breitband-Internets stiegen die Zahl der Webradio-Sender sowie die Nutzung von Webradio-Angeboten innerhalb der nächsten Jahre enorm schnell an. Seit 2008 sprossen Webradios plötzlich wie Pilze aus dem Boden. Jährlich nimmt die Zahl der Anbieter um knapp 56 Prozent zu und dieses Jahr präsentierte der BLM-Webradiomonitor eine überaus gewaltige Zahl von  mehr als 3.000 Webradios in Deutschland. Dabei handelt es sich bei über 4/5 der Anbieter um Online-Only-Dienste, die ausschließlich im Internet genutzt werden können. Bereits jeder zweite deutsche Onliner ist schon einmal in Berührung mit dem neuen Medium gekommen und 13 Prozent der Onlinenutzer geben an, wöchentlich das Webradio zu nutzen. Auch ein Blick auf die Nutzungsdauer zeigt das Potential des Webradios. 2012 verdoppelte sich die Nutzungsdauer zum Vorjahr von 167 auf 231 Minuten. Knapp 4 Stunden täglich lauschen Nutzer dem Programm von Webradio-Diensten heute. An dieser Stelle fürchten Radio-Journalisten um ihre Existenz. Aber die steigenden Nutzerzahlen im Radio-Onlinebereich bedeuten noch lange nicht, dass die Nutzerzahlen der klassischen UKW-Sender linear dazu sinken. Vielmehr ergänzt das Webradio das klassische UKW-Radio. Während UKW-Hörfunksender noch immer hauptsächlich am Morgen eingeschaltet werden, konzentriert sich die Nutzung von Webradioinhalten vor allem auf die Abendstunden. Nur 1 Prozent der Deutschen hört ausschließlich Webradio. Auch im mobilen Bereich der Radionutzung über Smartphone und Tablet-PC stellt das Webradio bisher noch keine Gefahr für die traditionellen UKW-Sender dar. Während bereits fast 55 Prozent der Smartphone-Besitzer ihr Handy zum Streamen von UKW-Radiosendern verwendet, nutzen es nur knapp 40 Prozent, um Webradiodienste zu hören. Laut ARD/ZDF-Onlinestudie bleiben Hörfunk und Fernsehen auch weiterhin die dominierenden Medien.

Allerdings lässt sich ein struktureller Wandel in der Hörerschaft beobachten. Dank des technischen Distributionsweges über das Internet kann Webradio von überall auf der Welt gehört werden – vorausgesetzt ein Internetanschluss besteht. Durch die fast unendliche Programmvielfalt im Internet kann der Nutzer, seinen ganz persönlichen Neigungen entsprechend, ein individuelles Programm zusammenstellen. Der passive Hörer, der das Radio als Begleitmedium laufen und sich von dem Programm berieseln ließ, wird so aktiv zum Programmgestalter – ein selbstbestimmter Radiohörer, der dem traditionellen Medium in seiner Begrenztheit entfliehen zu versucht und mulitmedial das breite Angebot aller Medien zu einem völlig neuen und individuellen „Medium“ vereint. Vor allem junge Onliner, zwischen 14 und 29 Jahren, haben bereits erkannt, dass die Entscheidung für Fernsehen, Radio oder Internet nicht mehr der Entweder-oder-Logik der analogen Welt folgt. Vielmehr erlaubt das Internet jegliche Art der Mediennutzung.

Zahlen und Fakten – Belege einer sich wandelnden Branche. Dass sich die Medienlandschaft verändert ist unumstritten, doch sollte man nicht der Gerechtigkeit halber auch mal in die andere Richtung blicken und sich sogar fragen, ob der Wandel vielleicht auch Vorteile mit sich bringt?

Wer ist Dennis Horn?  

Einer der sich hingegen jeglicher Vernunft genau diese Frage gestellt hat, ist Dennis Horn. Zugegeben, er gehört zu den jungen Denkern des Landes und ist Veränderungen gegenüber möglicherweise eher aufgeschlossen als alteingesessene Journalisten, die ihre ersten Worte noch auf der guten, alten Schreibmaschine tippten. Obwohl er selbst mit den furchteinflößenden Veränderungen unserer Zeit zu tun hat, strahlt etwas in seinen Augen auf, was den alten Skeptikern wohl das Blut in den Adern gefrieren lässt: Vorfreude.

Aber nun erstmal zu seiner Person: Dennis Horn hat mit seinen 31 Jahren bereits als Autor, Redakteur, Moderator und Berater für den WDR, den Hessischen Rundfunk, Radio NRW und Antenne Düsseldorf gearbeitet. In Düsseldorf studierte Horn Germanistik sowie Medien- und Informationswissenschaften. Nebenbei unterstützte er die Uniradios in Bonn und Münster. Heute produziert er überwiegend Beiträge für den Hessischen Rundfunk als Moderator und Nachrichtensprecher und ist außerdem als freier Redakteur und Onliner bei 1LIVE tätig. Aber damit nicht genug: Nebenbei ist er Mitgründer der Agenturen „fiene,horn“ sowie der „Medienfüchse“ und referiert als Dozent an der ARD.ZDF medienakademie und der Hörfunkschule Frankfurt über Web-2.0-Themen.

Nun wird natürlich die Frage laut, wie jemand, der dem „Verfall des Qualitätsjournalismus“, der „Zerstörung des Radios“ und „der Vereinheitlichung der einzelnen Mediengattungen zu einem Gemeinschaftsbrei“ in seiner täglichen Arbeit ausgeliefert ist, so etwas wie Vorfreude empfinden kann? Schließlich sollte gerade er wissen, wie ausweglos die Situation aktuell ist. Doch was er zu sagen hat, überrascht:

„Ich würde den Skeptikern raten, in die Vergangenheit zu gucken. Skeptiker haben immer gesagt, dies und das würde sterben, so wie beim Kino oder der Erfindung des Fernsehers. Es sind immer wieder die gleichen Argumente gekommen. All diese Dinge sind aber nie verschwunden. Die Welt ändert sich und das wird sie immer wieder tun. Aber es wird nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“

Das Sterben des Radios  

Tatsächlich, so Dennis Horn, habe gerade das Radio die besten Chancen, den Wandel zu seinem Vorteil zu nutzen. „Radio begleitet die Dinge der Welt am ehesten per Echtzeit. Fernsehen ist schon aufwändiger herzustellen und die Zeitung hat wohl den größten Verlauf der Zeit bis die nächste erscheint. Deswegen habe ich festgestellt, dass sich Radiomacher mit dem Medienwandel noch am leichtesten tun.“ Sicherlich seien neue Rückkanäle hinzugekommen, so wie Facebook oder Twitter. Da es aber schon immer Rückkanäle gab, komme es nun darauf an, auch die neuen Wege zu nutzen. Außerdem bietet das Internet laut Horn die optimale Gelegenheit, Inhalte des Radios auch auf anderen medialen Wegen zu verbreiten. „Die Möglichkeit, die Radiosender heute haben, ist es, Inhalte zeitsouverän online zu stellen. Und die Radiosender, die darauf setzen, werden keine Probleme haben.“ Damit habe sich auch ein weiteres Problem gelöst: Durch das vielfältige Webradio-Angebot könnten sich möglicherweise spannende und qualitative Inhalte „versenden“. „Ganz im Gegenteil“, so Horn, „es versendet sich nichts, sondern durch das Internet und die Möglichkeiten, die die Radiosender haben, nämlich auf ihrer eigenen Homepage Themen noch mal anders darzustellen, werden Inhalte erst Recht gesetzt.“ Inhalte haben sich somit bisher versendet und die Chance sei es nun, diese durch das Internet festzuhalten. Insbesondere kleine Sender haben so die Chance, durch interessante Beiträge auf sich aufmerksam zu machen. Trotz dieses Vorteils bleibt die Frage, ob bereits existierende Webradio-Angebote nicht doch über kurz oder lang das klassische Radio ablösen? Immerhin ist es heute ein Leichtes, sich den passenden Musiksender online auszusuchen. „Meiner Meinung nach bietet das Webradio keine direkten Vorteile für den Rezipienten“, antwortet Horn auf diese Frage. „Meiner Meinung nach bedeutet die Übertragung übers Web eher Vorteile für die bisher etablierten Sender.“ Es können auf diese Weise nämlich genau die Zielgruppen gehalten werden, die „an den Rändern so langsam ausfransen“. Das heutige Webradio könne nur durch qualitative Inhalte konkurrieren, doch in den seltensten Fällen können diese mit bekannten Radiosendern mithalten. „Wir würden schon viel mehr Webradios sehen, wenn das so einfach wäre. Nur wenn der Inhalt stimmt, kann es einen Mehrwert bieten.“

Das Sterben der Mediengattungen   

Auch wenn Dennis Horn der Ansicht ist, dass die Vielzahl der Webradios dem klassischen Radio nicht schaden könne, so lässt sich nicht leugnen, dass insbesondere das Internet zur Plattform für alle herkömmlichen Medien wird. Der Printjournalismus stirbt ohne Online-Arbeit, Fernsehbeiträge finden sich im Netz wieder und ohne Twitter ist selbst die Tagesschau nicht mehr glaubwürdig. Führt dieser Trend nicht doch zur Verschmelzung der einzelnen Mediengattungen? „Nein“, so Dennis Horn. Bleiben wir einmal beim Radio. „Ich kann ein großes Medium wie das Internet nicht einfach so nutzen wie das Radio. Das Radio ist ein Nebenbeimedium.“ Sicherlich werde es Schwerpunkte bei der Mediennutzung geben. „Medienwissenschaftler unterscheiden ja meines Wissens nach zwischen der Lean-Back- und der Lean-Forward-Haltung. Es gibt also eben verschiedene Haltungen, die man beim Medienkonsum einnimmt. Das kann doch ein Medium allein gar nicht erfüllen.“ Horn glaubt nicht, dass die klassischen, großen Medien verschwinden. Trotz der aktuellen Schlagzeilen um bekannte und alteingesessene deutsche Tageszeitungen geht er nicht davon aus, dass die Printmedien dem Tod geweiht sind. „Auch die Zeitungen wird es weiterhin geben, wenn auch nicht in dem Maße wie bisher. Es werden sich Dinge ändern, aber nicht so, dass wir eine eierlegende Wollmilchsau bekommen.“

Das Sterben des Qualitätsjournalismus 

Die wohl größte Gefahr des Medienwandels ist viel diskutiert worden: Das Sterben des Qualitätsjournalismus. Wie kann journalistische Arbeit einen qualitativen Mehrwert bringen, wenn es heute nur noch darum geht schneller zu sein als die Konkurrenz? Qualität spielt doch schon längst eine untergeordnete Rolle, vielmehr zählt die schnellstmögliche Präsenz im Internet. Und auch die Recherche basiert auf sogenannten Weblogs oder Twitter; Plattformen, die oftmals nicht für repräsentative Hintergrundinformationen stehen. Und was bedeutet diese Entwicklung für die Rezipienten? Wie kann ein Journalist seine Gatekeeping-Funktion beibehalten, wenn doch heute jeder Hinz und Kunz als „Journalist“ durch das Internet surft? Dass gerade diese aktuelle Entwicklung Dennis Horn´s Augen freudig strahlen lässt, erscheint verwirrend. Denn im Gegensatz zu seinen Skeptikern, sieht er gerade hier die Chance für qualitativen Journalismus. „Ich glaube, dass auf Journalisten neue Aufgaben zukommen; nämlich zu filtern. Deswegen glaube ich nicht, dass der Journalismus irgendwann in irgendeiner Form ausstirbt. Ich glaube, dass sich seine Aufgabe wandelt. Und ich glaube, dass Journalisten auch heute schon viel gefragter sind, weil das alles sehr, sehr herausfordernd ist, mit dem wir es da zu tun haben.“ Das Filtern selbst sei weiterhin die Gatekeeping-Funktion des Journalisten, argumentiert Horn. Für die Rezipienten sei es außerdem ein großer Vorteil, dass die Arbeit der Journalisten heute so kontrollierbar sei. „Wenn ein Journalist sich auf die Füße getreten fühlt, dann ist das vielleicht gut für das, was er in Zukunft produziert. Er wird vorsichtiger und besser werden. Ich halte das für eine gute Sache, dass Journalisten sich da behaupten müssen, auch gegen andere.“ Die Aufgaben des Journalisten verändern sich. Er muss sich in der „Blogosphäre“ auskennen, um das Wichtigste filtern zu können. „Ich glaube, der Wandel ist superwichtig, weil der Journalist dadurch noch bestärkt wird. Der Journalist ist mehr denn je gefragt, um das alles zu sortieren.“ Dennis Horn freut sich auf die kommenden Jahre und hat eine ganz eigene Sicht auf die Entwicklung der heutigen Zeit:

„Ich habe keine Angst davor, dass der Beruf des Journalisten ausstirbt. Ich finde es stattdessen gerade superspannend. Viel spannender als vor zehn Jahren. Und ich glaube auch, dass Journalisten in ihrem Job nicht an Qualität verlieren, wenn sie weiter ordentlich und sauber arbeiten.“

Das Sterben der Skepsis               

Der Medienwandel schafft heute Spielraum für Innovationen, die in vielfältiger Weise auch genutzt werden. „Man sieht ja heute spannende Inhalte über Livestream-Anbieter, wie zum Beispiel auf dem Tahrir Platz, als die im arabischen Frühling einfach ihr iPhone in die Luft gehalten und mitgefilmt haben. Das wurde dann übertragen.“ Innovationen bringen Veränderungen mit sich, doch die haben in den letzten Jahren viel mehr Vorteile als Nachteile mit sich gebracht. Auch wenn sich die Aufgaben und Bereiche verändern oder erweitern, heißt dies nicht zwangsläufig im Umkehrschluss, dass andere „alt-bewährte“ Aufgaben und Bereiche entfallen. Sicherlich wird die Zukunft noch viele Neuerungen bereithalten, doch sollte es nicht unsere Aufgabe sein, diese zu begrüßen und sie zu unserem Vorteil zu nutzen? Denn genau diese Einstellung ist es, die auch in den kommenden Jahren qualitative Berichterstattungen ermöglicht – egal über welchen Distributionsweg.

Quellen:

Es gibt noch das Umgekehrt

Der Journalist Matthias Urbach wandeln Seine Arbeitsumfeld, zwar von Onlineauftritt zum Print-Magazin 

– von Vivian Napoles –

Um das Thema des Wandels der journalistischen Arbeit angesichts der sogenannten Digitalzeit zu begegnen, wurde ein Dialog mit dem deutschen Physiker und geübten Wissenschaftsjournalist Matthias Urbach (MU) via FaceTime am 20.11.2012 durchgeführt. Als Wirtschaftsresearcher hat Matthias Urbach insgesamt 15 Jahre bei dem Hauptstadt Büro der Tageszeitung (TAZ) gearbeitet und hat die Online Redaktion dieser (taz.de) im Jahr 2007 aufgebaut.

Jetzt befindet der Experte sich selber in einer Wandelzeit seines Funktionskontextes, denn er ist seit einem viertel Jahr bei dem briten Wochenmagazin New Scientist, und zwar bei der erweiterten deutschen Ausgabe eines Print-Magazin. Seit August 2012 ist Urbach als Ressortleiter von einem der beiden Research des Hard Science (Teil des New Scientist) tätig, eine neues Magazinprojetkt mit Sitzt im Hamburg. Es gib außer dem deutschen die russische und französische erweiterte Ausgabe dieses briten Print-Magazin und die Lizenz für die deutsche Ausgabe ist dank Bemühung des Spiegel Verlag gekommen.

In welchen Aspekten lassen sich der Funktionskontext Ihrer Arbeit ausdifferenzieren? MU. “Der Unterschied oder der Übergang wie es kommt, dass ich bis jetzt Online gemacht habe und jetzt für eine wöchentliche Magazin arbeite ist nicht so groß. Es ist kein Monatsmagazin sondern ein Wochenmagazin, das heißt, dass wir in der Lage sind, aktuelle Debatten zu verfolgen und auf aktuelle Ereignisse auch zeitnah einzugehen. Die Zugänge zu den Geschichten, die wir machen, sind ähnlich. Und wir machen zu unserem Print auch Onlineauftritte und diese Onlineauftritte sind ein bisschen aktueller. Es ist natürlich auch immer eine Frage, wie man sich unterscheidet ein bisschen durch die Art und Weise wie man auf Themen zugeht. Und da ist der Unterschied jetzt nicht so sehr eine Frage der Geschwindigkeit, es ist mehr eine Frage welche Themen wir für interessant halten und was für eine Auswahl treffen wir, weil man schon als ein Magazin immer gezwungen ist, mehr auszuwählen als man bei einer Zeitung auswählt. Aber, wenn man sich die Entwicklung der letzten zehn Jahren anschaut, kann man feststellen, dass die Zeitung immer mehr versuchet, ein bisschen mehr sowie ein Wochenmagazin zu ticken, weil sie sich wiederum von der Konkurrenz von Radio und Fernsehen abgrenzen müssen und insofern ist dieser Sprung gar nicht mehr so groß, wie man im ersten Moment vermuten könnte.”

Gib es Unterschiede zwischen dem guten Journalismus aus den 50er Jahren und der der heutigen Zeit? MU. “Es kommt schon darauf an, eine gute Auswahl zu treffen und dann die wichtigen Dinge gut einzusortieren, in einen Zusammenhang zu stellen, dass man verstehen kann, was eine Nachricht oder eine Meldung für ein Bedeutung hat. Das ist der Kern der Sache. Das ist die Stärke von Journalismus, nach wie vor, gut auszusuchen, gut vorzuselektieren und gut zu erklären.Heute ist es so, dass der Journalist nicht mehr in einer Schlüssel Position sitzt, er sitzt nicht mehr zwischen dem Weltgeschehen und dem Leser, sondern er ist irgendwo daneben und die Leserinnen und Leser können sich auf ganz verschiedenen Wegen informieren, sie können sich direkt an der Quelle informieren. Früher war es so, dass Sie auf der Straße mit dem Bürger direkt ins Gespräch kommen konnten und jetzt können Sie selbst ‘medial’, das ging früher immer nur gefiltert über Journalismus und damit hat der Journalist dieser Türrechter Funktion verloren, weil alles kann an ihm vorbei kommen. Das ist im Prinzip eine gute Sache, weil es etwas sehr demokratisches ist. Das zweite, was ich halte, dass sich verändert hat, ist, dass die Empfänger auch immer Sender sein können, dass die Leser und Leserinnen Blogs schreiben können, über Facebook oder wie auch immer in die Öffentlichkeit kommen können, dass sie sehr viel stärker auf das, was die Journalisten machen reagieren. Eigentlich gibt es auch, dass fast in jedem Themen finden Sie immer irgendeinen, der besser weißt und das auch schreibt in diesem Kommentar oder da direkt antwortet. Trotzdem finde ich, der Job der Journalisten hat sich eigentlich überhaupt nicht gerändert, nur das Umfeld hat sich verändert. Nach wie vor geht es darum, dass wir interessante Geschichten gut aufbereiten und dass wir versuchen, dass was wir schreiben nach besserem Wissen zu prüfen und das auch richtig zu beschreiben, das ist auch der Unterschied zwischen uns und ich sage mal eine NGO oder eine politischen Partei oder der Leser oder Leserin, die irgendwie am Internet unterwegs ist. Sie haben keine ethischen Kriterien auf dem was sie verfahren müssen, sie können einfach sagen was ihnen gerade einfällt. Sie prüfen keine Fakten, sie haben keine Apparate im Hintergrund oder eine Redaktion mit Kollegen, also ein Arbeitsumfeld, auch einen Erfahrungshintergrund. Sie sind alle Unterschiede, die zwischen uns und den Leser usw. geben und das macht doch unsere Qualität aus. Insofern ist es diese Berufsweise nach wie vor total notwendig und eigentlich auch sehr begründend.”

Und im Bezug auf die Finanzierung der journalistische Tätigkeit? MU. “Durch diesen Medienwandel hat es nicht nur diese qualitative Umschichtung stattgefunden, sondern es hat die journalistischen Quellen der Finanzierung auch weggebrochen und es geht vor allem um das Anzeigengeschäft und das findet gerade statt, dass momentan auch in Deutschland mehrere Zeitungen zu gemacht haben. Viele Leute glauben, dass das Internet den Journalismus irgendwie überflüssig macht und deswegen werden die Zeitung zu gemacht, aber das ist total Unsinn. Zeitungen werden zu gemacht, weil die Anzeigenmärkte kaputt gehen, das hat teilweise auch mit dem Internet was zu tun, aber nur teilweise. Vor allen das kleine Anzeigengeschäft, das Stellen Anzeigengeschäft, Autoanzeigen, Immobilienanzeige waren vor allem für die Alltagszeitungen sehr wichtig und auch die Image-Anzeigen. Früh in den 50er Jahren hatten sich den Zeitungen zu 80% aus Anzeigen und zu 20% aus Vertrieb finanziert, heute ist es so halbe-halbe und es bewegt sich gerade Richtung zu 20% Anzeige und 80% Vertrieb. In einer anderen Geschichte geht es um die Frage, ob es möglich ist, für das Internet ein Bezahlmodell zu etablieren, und bisher gibt es keine Lösung dafür und sie haben alle das Problem, dass es großer Player gibt, die von Anzeigen im Internet leben können und die werden keine Paywall etablieren, das heißt für alle anderen, die das nicht können, von Anzeigen im Internet leben, dass sie ein Problem haben und zwar ein großes.”

Hat sich das Verhältnis zwischen den Wissenschaftlern und den Journalisten verändert? MU. “Heutzutage können Sie sich jede Arbeit herunterladen. Das konnten Sie vor 10 oder 15 Jahren nicht machen, wenn es gerade los ging. Man kann sich ja heute über viel mehr und viel schneller eine Bild machen. Die Suchmaschine findet alle möglichen Arbeiten, man findet dazu passende Arbeiten. Die Verfügbarkeit, von den was die Forscher forschen, ist viel größer, man kann sich da heute viel leichter damit auseinander setzen als früher und ich finde auch präziser darüber berichten, weil man besser an diese original Sachen hereinkommt. Aber das Verhältnis zum Forscher selbst hat es sich nicht so geändert. Man versucht schon mit dem im Gespräch zu sein aber es ist wie es früher auch war. Aber ich bin ja auch in dem Journalismus angekommen in einer Zeit wo schon langsam der Umbruch los ging. Dass die Forscher auch da sich selber auch Marketing in einer Seite machen, das ist auch eine ältere Entwicklung aber das hat natürlich jetzt ein bisschen zugenommen, dadurch, dass sie sich jetzt über Blogs usw. profilieren können und das ist ganz sicher, dass ein Forscher, der jetzt blogt, heute mehr Gewicht hat und leichter eine Stellung bekommt als es vielleicht früher war.”

Wie nehmen Sie die Öffentlichkeit der heutigen Zeit wahr? MU. “Sie ist die selbe. Sie hat neue Kanäle, aber die wesentlichen Diskussionen der Öffentlichkeit immer noch über eine kleine Zeit von Themen stattfindet. Es gibt Foren und es gibt für jeden, der irgendwie ein spezielles Hobby oder Interesse hat, der findet natürlich jetzt in Foren oder über Twitter oder Facebook Gleichgesinnte mit denen er sich darüber austauschen könnte. Das ist aber von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkbar, sie sind Teile der Öffentlichkeit und sie haben sicherlich zugenommen in den letzten 10 oder 15 Jahren, seitdem das Internet eingedrungen ist. Aber das was man unter der Öffentlichkeit versteht, der Raum wo wir über die großen Fragen hard wenden und in dem quasi Wahlkampf jedes mal geführt wird, da habe ich das Gefühl, dass sich die Themen nicht so geändert haben und auch die Leute, die reden, haben sich sogar nicht geändert. Natürlich erzählen wir mehr von uns, wir sind öffentlich präsenter und damit auch greifbarer, dass ist jetzt für ein Journalist nicht ein Problem, weil als Journalist bin ich gewohnt mich zu exponieren und öffentlich meine Meinung äußern. Ich glaube das ist ehe eine Änderung für die Leute, die nicht journalistisch Arbeiten. Und tatsächlich überlege ich mir als Journalist natürlich auch was die eine oder andere postet oder was die eine oder andere twittet und so mache ich vielleicht nicht, weil ich so denke ‘hum… dann bin ich vielleicht doch bei ihnen bemerkt und es gibt Leute, die sich was ich da kommuniziere angucken und die mich damit konfrontieren’. Aber daran sind wir auch geübt. Es gibt tatsächlich einige Leute, die sich sehr stark über Twitter, Blogs usw. geäußert haben oder sehr persönlich und sich sehr stark einbringen und ich glaube, dass diese auch teilweiser sehr schnell sehr bekannt geworden sind, gerade die, die es zuerst gemacht haben. Sie sind die Vorzeige Figuren der Sozialen Medien. Mein Eindruck ist es aber auch, dass es eine Menge Schau, die sich sehr Schau schlagen beziehungsweise auch Leute darunter sind, die sich eigentlich auch keinen Gefallen getan haben, um sich damit zu sehr zu exponieren.”

Wie definieren Sie den Begriff Wissen in Bezug auf die Bezeichnung Wissenschaftsmagazin? MU. “Wissen unterscheidet sich erst Mal von Glauben oder Vermutung. Wenn wir von Wissensmagazin sprechen, rekurrieren wir erstmal auf Wissenschaft. Der Begriff Wissen ist auch ein bisschen ein Marketingwort. Wenn man ehrlich ist, geht es auch ein bisschen darum, dass man einerseits signalisieren könnte, dass man wissenschaftliche Themen angibt oder an einem wissenschaftlichen Gut Interesse hat, dass man jetzt aber vielleicht nicht ganz mit so einem akademischen Anspruch an das Thema herangeht, sondern schon mit dem Anspruch ein allgemeines Verständnis zu sagen. Ich persönlich wurde sagen, dass die Entwicklung der Technik und der Wissenschaft der Größter Antreiber für geschichtliche Änderung ist, letztendlich. Und wenn man jetzt gerade noch die letzten zehn oder 20 Jahren zurückschaut und durch diese Entwicklung des Internets oder durch die Veränderung, die wir Informationen aufnehmen und dann mit denen wir uns befassen und auch wie die Technik doch sehr stark in unseren Alltag eindringt und wie stark die Technik unsere Berufswelt und das Berufsleben verändert hat, glaube ich ist dieses Gefühl auch weit verbreitet. Dass die Technik die Veränderung unserer Gesellschaft sehr stark begleitet und sehr stark bestimmt und auch uns sehr grundsätzlich trägt. Wenn Sie mal das Beispiel der Stammzellen Forschung nehmen oder den Beauftragen der Medizinfortschritt oder von Fortpflanzung Fortschritt, dann sehen Sie, dass es weitreichende Konsequenzen hat. Ich meine, es gib bevor so kleine Dinge wie der Pille, die uns heute enorme demokratische Probleme geschähe eben wie große angeblichen Dingen wie der heutigen Apparate der Medizin oder die Fortgeschrittene Computerisierung der Arbeitswelt, die Trennung von Arbeitsort, die Entwicklung, in der man heute von jedem Ort aus arbeiten kann, dass Sie heute zu Hause sitzen und Ihre Recherche Gespräche führen können, solche Dinge haben in den letzten Jahren doch unsere Lebensumstand unheimlich verändert.”

Da, dass ich leichter und mehre Informationen bekommen kann… MU. “Ist meine Arbeit ja definitiv viel leichter zu machen.”

Wissenswert: Blogosphäre: a) scienceblog.com (des Wissenschaftsmagazins Seed); b) Dinge bei den Blogs des Magazins Technology Review aus dem Heise-Verlag; c) blog.zeit.de/sex/ (von Zeit-Wissen-Redakteurin Sigrid Neudecker); d) huffingtonpost.com (von der Bloggerin und Journalistin Ariana Huffington); e) wissenschaft.wanhoff.de (von dem Wissenschaftsjournalist Thomas Wanhoffs).

Online PDF: a) “Onlinejournalismus: Veränderungen – Glaubwürdigkeit – Technisierung” (von Christoph Neuberger), unter http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/03-2003_Neuberger.pdf

Buch:WissensWelten: Wissenschaftsjournalismus in Theorie und Praxis (Holger Hettwer, Markus Lehmkuhl, Holger Wormer, Franco Zotte – Hrsg. – IBSN: 978-3-89204-914-2)

By napolesvivian

Social Media Nutzung für Journalisten

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Die Veränderungen unserer Medienwelt sind […] fundamental – wie der Wechsel von der Scheibe zur Kugel. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Dennoch wird in der Öffentlichkeit so getan, als hätten wir die Wahl, bei der bisherigen Organisation unserer medialen Öffentlichkeit bleiben zu können (Martin Oetting).

Haben wir die Wahl diesem Wandel aus dem Weg zu gehen? Ich sage schlicht und einfach: nein. Unternehmen wie Institutionen, die sich nicht mit dem Thema Internet auseinander setzen, verlieren den Kontakt zu ihren Kunden – und das von Tag zu Tag mehr. Wenn eines so sicher wie das Amen in der Kirche ist dann das, dass wir nicht mehr ohne das Internet sein werden.

Social Media nimmt an Bedeutung zu

Das liegt vor allem an dem Verhalten der Internetnutzer: Seit es das Web 2.0 mit seiner einfachen Bedienung gibt, fallen die User über die sozialen Plattformen her. Es wird kommentiert, gebloggt, getwittert – ganz einfach: kommuniziert was das Zeug hält. Dass die Bedeutung von Social Media kontinuierlich steigt, lässt sich aufgrund der intensiven Nutzung von den bekanntesten Plattformen wie Facebook, YouTube, Twitter und Co. wohl kaum mehr leugnen. Diese Entwicklung beschreibt einen digitalen Wandel in unserer Gesellschaft.

Digitalisierung als Schädling des klassischen Journalismus?

Eben diese Veränderung macht besonders dem Pressewesen zu schaffen, das in letzter Zeit immer häufiger mit Schlagzeilen in den Blickpunkt der Medien geraten ist:

Financial Times Deutschland: Schließt. Frankfurter Rundschau: Insolvent.”

“Das geschriebene Wort steht am Anfang jeder gesellschaftlichen Debatte, doch nun spürt es die volle Wucht der Digitalisierung.”

Wie guter Journalismus überleben kann S. 25-28

In früheren Zeiten wurden Journalisten nicht reich, weil sie gut schreiben oder recherchieren konnten. Die Kontrolle über Druckerpresse oder Sender und damit auch über Werbeeinnahmen, gaben Journalisten ihr tägliches Brot. Das ist mittelfristig vorbei. Dennoch lässt sich der Vorwurf, klassischer Journalismus werde vom digitalen Netz zunichte gemacht, nicht bestätigen. Sicherlich gibt es Unterschiede der Vorbereitung von print respektive online Veröffentlichungen. Trotzdem bleiben die Grundbausteine des Einordnens, Analysierens und Bewertens von Informationen im Web weiterhin bestehen.

Journalismus im digitalen Zeitalter

Lediglich der Fokus des heutigen Journalismus hat sich verändert. Problematisch an der Veränderung ist lediglich, dass viele Presseakteure selbst schwer daran tun, sich mitzuverändern – sich an die neue Form der Kommunikation anzupassen. Und eben genau das ist es: Wir sprechen hier von einer neuen Art zu kommunizieren. Journalisten müssen lernen, Dialogpartner für ihre Leser zu werden und sich nicht mehr einzig als Verfasser ihrer Texte zu sehen. Eben dies sind die Worte des taffen Journalisten Dirk von Gehlen, Chefredakteur von jetzt.de und Leiter der Social Media Abteilung der Süddeutsche Zeitung.

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Neue Finanzierungsmöglichkeiten

Das ist der richtige Denkansatz: Die neuen Kommunikationsräume eröffnen neue Geschäftsmodelle. Besonders im Internet gilt es nach Mischformen der Finanzierung Ausschau zu halten. Die können Pay-Varianten beinhalten, bei denen der Leser ganz klassisch für den Inhalt bezahlt oder aber auch die Idee nach pauschalen Abgaben.  Spannend und sicherlich auch für Journalisten interessant, ist die Möglichkeit von Clubmodellen. Der Gedanke hierbei ist, dass für den gemeinsamen Raum gezahlt wird und nicht mehr für den einzelnen Inhalt.

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Social Media zur Qualitätssicherung nutzen

So wie Social Media Fragen nach der Finanzierung von medialen Inhalten aufwirft, entstehen auch Fragen nach deren Qualität. Qualität und Internet sind zwei Begriffe, die nicht gerne gemeinsam in den Mund genommen werden. Doch gleicht das eher einer Verurteilung als einer nüchternen Betrachtung. Das Geschehen sollte aus den Augen der heutigen Zeit beobachtet werden: Das gesamte Leben beschleunigt sich, deshalb müssen Informationen schneller ans Ziel gebracht werden. Um dieser Schnelligkeit gerecht zu werden, bietet das Internet mit seiner globalen Vernetzung die besten Voraussetzungen dafür. Dank dieser Form der Technik, sollte es Journalisten leichter fallen, Informationen und Inhalte viel schneller als herkömmlich zu sichten.

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Fakt ist: Das Internet wird nicht mehr aus unserem Leben verschwinden. Deshalb müssen die Möglichkeiten erkannt werden, die das Internet mit sich bringt und die finden sich in der sozialen Netzwelt. Hier bündeln sich Leute, die man sonst nur sehr kompliziert erreichen konnte über Twitter Feeds, über Google+ Accounts und über ihre Interessen.

Journalismus wird überleben

Dieser Strom von Nutzer sucht aber gerade wegen der Informationsflut nach qualitativen Texten. Deshalb werden Leser beziehungsweise User auch weiterhin professionelle Inhalte rezipieren wollen, die sich durch Qualität auszeichnen. Wenn zudem noch effektive Mischmodelle in die Tat umgesetzt werden, droht dem professionellen Journalismus kein Untergang. Um diese Sorge gänzlich vom Tisch zu räumen, hat Dirk von Gehlen zum Abschluss noch eine sehr schöne Metapher parat:

Den Text zum Video gibt es hier

Dennoch gilt es für Journalisten umzudenken und sich den Wandel der Medien zu Nutzen zu machen. Dieser Nutzen steckt mit Sicherheit in den Möglichkeiten von Social Media. Also keine Scheu zeigen, sondern Mut zum Experimentieren beweisen.

Vom Journalisten zum medialen Alleskönner

 

Schon seit mehreren Jahren durchläuft das Berufsfeld des Journalisten einen massiven Wandel. Durch immer wieder auftauchende oder besser gesagt nicht endende Diskussionen, wird deutlich, dass dieser Wandel von großer Bedeutung ist. Sowohl für die Journalisten oder diejenigen die diesen Beruf anstreben, aber auch für die Konsumenten des Endproduktes. Doch aus was genau besteht dieses Endprodukt überhaupt? Durch die Entwicklung der Technik in den letzten Jahren hat sich auch die Arbeit des klassischen Journalisten geändert. Das so bezeichnete Endprodukt ist demnach nicht mehr nur noch morgens beim Frühstück in der klassischen Zeitung vorzufinden. Es begleitet uns multimedial durch den Tag, beispielsweise  auf dem Weg zur Arbeit auf unserem Smartphone in Form einer Nachrichtenapp oder auf dem Tablet PC als Online Version einer Zeitung. Continue reading

Wandel des Journalismus in osteuropäischen Ländern am Beispiel von Russland

Technische Innovationen, Digitalisierung, veränderte Informations- und Kommunikationsmuster stellen den modernen Journalismus vor neue Herausforderungen. In den letzten Jahren haben wir die neuen Tendenzen sowohl in der Mediengestaltung allgemein als auch in den Journalismuskonzepten beobachtet. Das Web 2.0 hat die klassische Rollenaufteilung zwischen Produzent und Rezipient zur Geschichte gemacht. Heute kann jeder ohne großen Aufwand und Vorkenntnisse in Blogs, durch Social-Media, in Foren oder über Youtube neue Medieninhalte generieren bzw. mit der Welt kommunizieren. Kann sich also heutzutage jeder als Journalist bezeichnen? Wo liegt der Unterschied zwischen professionellen Journalisten und ihren Hobby-Kollegen? Was macht Journalismus innerhalb der Mediengesellschaft aus?

Obwohl die aktuellen Trends in der Medienbranche generell in eine Richtung gehen, sind die landesspezifischen Differenzen deutlich erkennbar. Die Erklärungen dafür findet man meistens in der Geschichte eines Landes, die die Gegenwart geprägt und Auswirkung auf viele bedeutende Wandelprozesse, einschließlich Medien, hat.

Wechselspiel zwischen Politik und Medien

Politik, Massenmedien, Demokratie… Diese drei Dimensionen hängen eng zusammen. So beginnt mit dem Zerfall der Sowjetunion eine neue Phase für Journalismus in osteuropäischen Ländern. Das Ende von kommunistischer Propaganda und Zensur sollten neue Horizonte für die Journalisten öffnen, indem freie Meinungsäußerung und -verbreitung möglich wird. Es könnte ein Neuanfang für unabhängigen Journalismus werden. Es könnte… Aber der Weg vom total kontrollierten Mediensystem hin zu Demokratisierung scheint immer noch viele Hindernisse von der staatlichen Seite zu haben.

Die 90er-Jahre brachten viele Veränderungen. Die Menschen waren es gewohnt, keine eigene Meinung, die der kommunistischen Ideologie widersprach, haben zu dürfen. Mehrjährige Repressionen gegen „Freidenker“ haben tiefe Spuren in dem Massengedächtnis hinterlassen, deswegen sollten die neuen Umstände zuerst verarbeitet werden. Das Mediensystem war davon auch betroffen, da die Rolle der Medien in den postkommunistischen Staaten noch ungewiss war: Ob sie zu einer selbständigen Institution werden oder weiter unter der Kontrolle der Regierung bleiben (vgl. Hribal, abgerufen am 26.11.12). Viele Journalisten haben es versucht, zeitgemäß zu handeln und sich umzuorientieren, um die Grundlage für eine freie und pluralistische Medienlandschaft aufzubauen. Bedrohungen, Verletzungen und Kündigungen waren in einigen Fällen die Reaktion auf die kritischen Meinungsäußerungen gegenüber den Machthabern.

Journalismus in Russland: Online-Medien als Problemlösung?

Es sind schon mehr als zwanzig Jahre nach der Auflösung des kommunistischen Regimes vergangen, die Mediensysteme in Russland und in mehreren postsowjetischen Ländern haben sich seitdem mehrfach umstrukturiert. Und trotzdem stehen in vielen dieser Staaten die Medien  immer noch unter Druck. Journalisten werden bedrängt und drangsaliert, Zugang zu Informationen eingegrenzt.

„Die repressive staatliche Medienstrategie zielt auf zwei Dinge ab. Erstens, die freiwillige Selbstzensur der russischen Journalisten als Konsequenz der individuellen Bedrohung von Journalisten durch staatliche Organe bzw. der Gefahr, dass das Medium als Ganzes staatlichen Repressionen zum Opfer fällt. Und zweitens: Die gezielte Instrumentalisierung der Medien“ (Schlinwein, abgerufen am 26.11.12), die nur vom Staat erwünschte Informationen verbreiten.

Digitale Medien haben die Situation wesentlich verändert und den Journalismus auf die nächste Stufe gebracht. Mit den neuen Kommunikationskanälen (z.B. Blogs, Twitter usw.) kommen zusätzliche Möglichkeiten ins Spiel. Viele Journalisten haben für sich bereits Online Media als Alternative zu den klassischen, inoffiziell zensierten Massenmedia entdeckt und nutzen sie für unabhängige Meinungsäußerung.

Was denken die Experten?

Für einen tieferen Einblick in die Medienwirklichkeit in Russland haben wir einen Experten aus der Medienbranche, Vasily Gatov, Leiter von MediaLab Project bei RIA Novosti (News), Inhaber/ President und Publizist bei 625 Publishing sowie bei 625 Magazine, um seine Meinung zu bestimmten Aspekten gefragt.

Anton Sementsov: Wir beobachten heute eine rasante Entwicklung von neuen Informationstechnologien, was natürlich mehr Möglichkeiten für Informationsanschaffung gibt. Ist, Ihrer Meinung nach, der Zugang zur Informationen in den letzten Jahren wirklich einfacher geworden? Und wie sieht es mit der Qualität aus?

Photo: lenta.ru

Vasily Gatov: Der Zugang ist sicherlich einfacher und „umfassender“ geworden. In den letzten zehn bis zwölf Jahren aktiver Entwicklung der digitalen Medien ist nicht nur ein größerer Informationsumfang verfügbar geworden, sondern hat sich auch die Anzahl der Möglichkeiten, diese Daten zu organisieren bzw. zu strukturieren, deutlich vergrößert. Solche Technologien wie Yandex-News und Google-News sind ein gutes Beispiel für fast an die Grenzen gehende Realisation von künstlicher Intelligenz, wenn man sie mit unstrukturierter Datenmasse vergleicht. Man konnte sich solche Möglichkeiten vor sieben bis acht Jahren gar nicht vorstellen. Was die Qualität dieser Informationen angeht, ist es wie üblich eine Frage der subjektiven bzw. persönlichen Einstelleng. Das Internet bietet genauso viel “qualitative Informationen” wie die anderen Massenmedien auch. Der einzige Unterschied besteht darin, dass es im Internet sozusagen eine Gleichberechtigung aller Quellen und praktisch keine Filtermechanismen (z.B. nach Preis oder Publikumsaufmerksamkeit) gibt und deswegen bekommen wir als Ergebnis mehr „Informationsmüll“ zu sehen. Mit anderen Worten sind auch viele Printausgaben keine intellektuellen Magazine, sondern enthalten Kreuzworträtsel und füttern uns mit „Trash“-Nachrichten. Sie werden aber nicht von jedem gekauft. Hier ist ein bewusster Medienkonsum gefragt, weil im Internet solche Trash-Seiten“ mit entsprechendem Informationsniveau auch versehentlich (z.B. wenn man einem Link folgt) geöffnet werden können.

 Darf ein Journalist solche Web 2.0-Technologien wie soziale Netzwerke, Twitter oder Blogs als zuverlässige Informationsquellen benutzen/ behandeln?

 Das Web 2.0 ermöglicht aktive gegenseitige Kommunikation, Sozialisation und Kontextualisierung des Contents, eine der wichtigsten Vorgehensweisen beim Sammeln und bei der Analyse von Informationen, und bietet einen Weg zu Qualität und Effizienz. Einerseits besteht die Möglichkeit von den Ereignissen direkt von der ersten Quelle bzw. dem Augenzeugen (z.B. über Twitter), in Echtzeit und ohne die zahlreichen Zwischenglieder bzw. Vermittler, zu erfahren, unbezahlbar. Andererseits sollte man die gleichen Bewertungskriterien für die Informationsquellen aus Sozialen Netzwerken wie für die „traditionellen“ Nachrichtenquellen haben, d.h., ohne zwei unabhängige Bestätigungen kann sie nicht als Tatsache gelten.

Heutzutage haben immer mehr Menschen ihren eigenen Blog. Kann man sie auch als Journalisten bezeichnen bzw. betrachten?

 Ja, definitiv, aber nur unter bestimmten Umständen. Und zwar, wenn sie die erforderlichen Bedingungen fürs journalistisches Arbeiten wie z.B. Informationsprüfung, Unterscheidung zwischen einem Fakt und einer Meinung usw., die auch bei den Profis ein Muss sind, erfüllen. Dann kann man solche Blogger als Journalisten betrachten. In dem Fall, wenn ein Blog nur als Werkzeug, um sich selbst auszudrücken, gilt, hat dann ein solcher Blogger viel mehr gemeinsam mit einem Schriftsteller, der eine eigene „deformierte“ Vision von der Realität hat und deswegen nicht die maximal objektive Wiedergabe von Informationen in den Vordergrund stellt.

Wie ist Ihre Einstellung zu den Online-Zeitungsausgaben? Können Sie sich vorstellen, dass schon in Kürze die Printversionen dadurch vollständig ersetzt werden?

Online-Ausgaben von Zeitungen unterscheiden sich von ihren Printversionen […] in Periodizität (die neue Artikel werden auf der Seite mehrmals am Tag aktualisiert) und in interaktiver Kommunikationsform, die es ermöglichen, ein Feedback von Lesern zu bekommen. Außerdem beziehen einige Online-Zeitungen neue Contentformen wie Video und Audio mit ein, die eigentlich für eine Zeitung nicht inhärent sind. Online-Versionen ersetzen traditionelle Printmedien und dieser Prozess wird immer schneller, da er durch die Verbreitung bzw. Nutzung von Smartphones, Tablet-PCs und Laptops praktisch unterstützt wird.

Was denken Sie, welchen Medien vertraut man heute mehr?

Mehr Vertrauen genießen diese Medien, die den Lesern relevante und ihren Interessen entsprechende Themen anbieten. Ob diese Information auf dem Papier, auf dem Bildschirm oder mittels Lautsprecher vermittelt wird, ist von geringerer Relevanz. Online-Medien sind interaktiv […], was sie für die Rezipienten, für die wichtig ist, die eigene Meinung mitteilen zu können, attraktiver macht. Das betrifft insbesondere junge Generationen, deren Besonderheiten kritisches Denken und pragmatische Analyse von Informationen sind. Dementsprechend vertrauen sie mehr Online-Medien.

Wie würden Sie die Meinungsfreiheit in Russland bewerten? Werden die Online Medien in Russland zensiert?

 Die Meinungsfreiheit im Internet ist höher im Vergleich zu Printmedien, aber die Verantwortung für die Aussagen ist auch niedriger. In Russland gibt es keine Massenmedien, die der Zensur – im wahren Sinne des Wortes – ausgesetzt sind. Was wir heute darunter verstehen, ist eine politische Kontrolle noch in der Vorbereitungsphase, also vor der Veröffentlichung. Es wird eine Tagesordnung bestimmt und die Meinungen und Quellen nach dem Prinzip „akzeptabel“ oder „unakzeptabel“ verteilt. In Online Medien zeigt sich keine politische Kontrolle, mit Ausnahme von denjenigen Redaktionen, die sich einer politischen Struktur freiwillig verpflichtet haben. Wo es keine Verpflichtungen gibt, existiert die politische Kontrolle nur in Form der Unzufriedenheit der politischen Akteure mit dem bereits veröffentlichten Kontext.

Aus Ihrer Erfahrung, welche Herausforderungen stehen vor den Journalisten in dem digitalen Zeitalter?

 Vor allem die Fähigkeit mit Informationsmengen zu arbeiten, die in der medialen Welt ganz verschiedene Formen annehmen, inklusive derjenigen, mit denen der Umgang während des Studiums nicht gelernt wird. So z.B. der Problembereich „Informationsflut“, nicht strukturierter Content usw. Dazu kommt die Notwendigkeit, sich schnell neue Kommunikationswege anzueignen und den neuen Spielregeln anzupassen, weil zukünftig statt Facebook ein neues Soziales Netzwerk kommt sowie Twitter durch ein anderes Medium ersetzt wird usw., deren Arbeitsweisen im Hinblick auf Informationen von den bereits existierenden abweichen können.

Und der letzte Punkt: Ein professioneller Online-Journalist muss über standhafte ethische Prinzipien verfügen, denn die Interaktivität und Variabilität des digitalen Umfelds kann schon eine harte Probe werden, weil man ständig „provoziert“ wird, ohne Faktenüberprüfung, die Texte einfach abzuschreiben.

Welche Vor- und Nachteile des Online-Journalismus würden Sie nennen?

Genau die gleichen, die der Offline-Journalismus hat, aber nur mit Verschärfung einiger traditioneller „Krankheiten“  wie Oberflächlichkeit, das Fehlen von Originalität, Konzentration auf Form statt Inhalt. ABER: im Großen und Ganzen ist alles relativ gleich schlecht.

Und zum Schluss würden wir gerne wissen wie Sie die Zukunft des Journalismus in Russland sehen?

 Uns erwarten schwierige, aber trotzdem interessante Zeiten. In dem journalistischen Berufsfeld finden massive und nicht immer linear verlaufende Veränderungen statt, was insbesondere die Kompetenzen betrifft. Leider steht Russland nicht an der Spitze dieses Wandels, obwohl wir relativ weit vorne liegen, wenn es um die Technologie geht. Unsere Zukunft hängt vor allem von ideenreichen Köpfen, Fähigkeiten, Offenheit und Ehrlichkeit ab, nicht von mehr, aber auch nicht von weniger.

Zusätzliche Quellen:

  1. Hribal, Lucie (2003): Medien und Demokratisierung in Osteuropa
  2. Schlindwein, Simone: Zwischen Propaganda und Kommerz – Medien(un)freiheit in Südost-, Mittelost- und Osteuropa

 

Der Journalist im Medienwandel

Das der stetige Wandel unserer Zeit auch am Journalismus nicht reibungslos vorbei zieht, ist kaum mehr zu übersehen. Mit der wachsenden Selbstverständlichkeit digitaler Medien nagt das Print-Geschäft am hohlen Zahn. Verlage orientieren sich für alle Welt sichtbar an dem digitalen Markt, versuchen ihr Dasein zu retten, weiter zu wachsen und verwandeln sich zu multimedialen Mediengiganten. Kaum eine Zeitung hat sich nicht ein zweites Online-Standbein aufgebaut und versucht dieses – mehr oder weniger – als seriöse Informationsquelle zu gestalten. Doch wie sieht die Zukunft aus? Welche Bedeutung hat das schrumpfende Print-Geschäft für Journalisten, und insbesondere, für solche die es werden wollen? Schließlich bietet das Internet jedem Laien eine Plattform, um sich in die Öffentlichkeit zu begeben. Unter diesen Umständen stellt sich verstärkt die Frage: Wird es den klassischen Journalisten in Zukunft überhaupt noch geben? Und was müsste dieser mitbringen, um nicht einer von vielen unsichtbaren Akteuren im World Wide Web zu sein?

Im Profil: Mark Glaser

Der in Chicago lebende Journalist Mark Glaser hat ihn am eigenen Leib erfahren – den Wandel von Print zu Digital. Angefangen als freiberuflicher Publizist, der sich mit Kolumnen über Hip Hop, Reiseberichte oder humoristischen Artikeln über die „Titanen der Technologie“  finanzierte, ist Mark Glaser nunmehr fast ausschließlich Online unterwegs. Glaser beschäftigt sich insbesondere mit der Ausbildung von Journalisten. Sein Blog www.pbs.org/mediashift, den er mittlerweile mit sechs weiteren Journalisten pflegt, dreht sich um den Einfluss von Social Media, Weblogs, Podcastings oder Online Videos, auf die Medien-Welt und der damit einhergehenden Veränderung des Informationsflusses.

Frage und Antwort

Auf der Suche nach Antworten hat sich Mark Glaser zu einem Interview bereiterklärt.

  1. Journalismus im Wandel

Inwiefern hat sich Journalismus über die letzten Jahre verändert? Glaser beschreibt den Wandel im Journalismus auf persönlicher Ebene. Heute schreibt er nicht länger nur Artikel. Er ist Online- und Multimedia-Produzent, er bloggt, produziert Video-Shows und Podcasts, beschäftigt sich mit Social Media Marketing, hilft beim Verkauf von Werbe- und Anzeigenschaltungen und vieles mehr.

Für und wider des Online-Journalismus. Prinzipiell ist Glaser pro Online, sieht aber auch große Hürden, die es zu bewältigen gilt. Für ihn liegen die Vorteile des Online Journalismus vor allem darin, dass er für jeden frei zugänglich ist. Jeder kann sich einen Blog, eine Website, Tumblr oder Instagram in wenigen Minuten einrichten. Allerdings ist es genau deshalb auch so schwer, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen. Insbesondere ohne jeglichen Zusammenhang zu einer größeren Website oder Institution, wie z.B. der Huffington Post, Buzzfeed oder Business Insider in den USA. Hier verdeutlicht sich die Problematik des Online Journalismus: Es ist schwer, als selbstständiger Produzent ein gewisses Vertrauen zu seinem Publikum aufzubauen, geschweige denn dieses erst einmal zu gewinnen. Hinter der Fassade einer größeren Institution, eines Verlags oder einer Zeitung, ist es einfach eine Leserschaft aufzubauen – die Glaubwürdigkeit der Artikel entsteht von ganz allein. Als eigenständiger Journalist in der Online-Sphäre sieht das anders aus. Trotzdem blickt Mark Glaser optimistisch in die Zukunft. Denn auch traditionelle Medienunternehmen sind nahezu gezwungen, sich dem Online-Geschäft hinzugeben. Das bietet Journalisten wiederum die Chance, sich über größere Institutionen Online einen Namen zu machen. Die klare Linie von Print und Digital beginnt langsam zu verwischen.

Zukunftsprognosen. Mit einem Blick in Zukunft wird es laut Glaser noch einen enormen Wandel zur mobilen Nutzung geben, insbesondere im Bezug auf Smartphones und Tablets. Diese Veränderung ist für Journalisten von großer Bedeutung, denn sie bietet eine Chance zur Neuerfindung: „No one has really created the perfect mobile news experience“, so Glaser „but it’s a challenge as well because no one knows what people want to get in mobile“. Desweiteren charakterisiert sich der Online Journalismus schnelllebig. Es wird konstant veröffentlicht und es gibt konstant Reaktionen und Feedback auf verschiedensten Kanälen wie Facebook oder Youtube – eine Herausforderung, aber auch ein Gewinn an Möglichkeiten.

Mit Mark Glaser als Spezialist für „Education Journalism“, ist es besonders interessant in die Zukunft des journalistischen Nachwuchses zu blicken. Wird es den Journalisten wie wir ihn kennen überhaupt noch geben? Welche Auswirkungen haben die genannten Veränderungen auf die Ausbildung und Anforderungen von Journalisten?

  1. Education Journalism

Wie sieht der Journalist der Zukunft aus? Laut Mark Glaser wird der Journalist der Zukunft wohlmöglich in zwei Richtungen gehen. Es wird zum einen diejenigen geben, die sich mit besonderem Interesse einem Feld gewidmet haben, wie z.B. Spezialisten im Video-, Social Media oder Data-Bereich. Auf der anderen Seite wird es besonders Ambitionierte geben, die sich jedem Genre gleichermaßen widmen – multimediale Alleskönner. Im Hinblick auf die Zukunft des Online Journalismus empfindet Glaser es für besonders wichtig, diese beiden Richtungen miteinander zu verbinden. Für den idealen Journalisten der Zukunft ist es mehr als ratsam, ein multimediales Grundverständnis aufzubauen, ein bisschen von allem zu können. Gleichermaßen sollten sich angehende Journalisten weiterhin besonders einem bestimmten Gebiet richten und sich darin ein vertieftes Wissen aneignen. Damit hätten sie gleich zwei große Spezialitäten in einem zu bieten, und heben sich von der Masse ab: „They can do it all, or they have an area of expertise“, je nachdem, was sie voran bringt.

Was hat sich an der journalistischen Ausbildung verändert? Generell hat sich die Ausbildung von Journalisten bereits über die letzten Jahre verändert. Immer mehr Journalisten erlernen ihre Fähigkeiten schon während Schul- und Studienzeiten, werden dort gefördert und haben bereits vor dem Start ihrer eigentlichen Karriere eigene Werke weitreichend publiziert. Das amerikanische News21 Journalism Education Programm beispielsweise, hat in den USA mit seinen Publikationen ein starkes Gehör in den Mainstream Medien erreicht. Auch viele Universitäten fördern ihre Studenten mit größeren Publikationen in den Massenmedien. Glaser selbst hat mehrfach für die Website des Yale Center for Globalization sowie für Havard’s Nieman Reports  geschrieben.

Eine Ausbildung im Print? Weiterhin im Print-Bereich eine Ausbildung als Journalist abzuschließen ist für Glaser eine Frage der Erwartungshaltung. Es ist einerseits interessant und niemals falsch, allerdings sollte sich ein angehender Journalist darüber im Klaren sein, dass es schwer wird später auch tatsächlich im Print-Bereich zu arbeiten. Zusätzlich stellt sich hier auch die Frage, in welchem Land ein Journalist arbeiten möchte. Während das Print-Geschäft in den USA erheblich schrumpft und auch in Europa langsam aber sicher ins Schwanken gerät, lebt es – so Glaser – in Indien vielleicht gerade auf.

Im generellen Ländervergleich müssen sich zumindest die USA und Europa derzeit denselben Schwierigkeiten stellen. Auch wenn sich die Basis journalistischer Ethik und das Berichterstatten mit dem digitalen Wandel nicht großartig verändert hat, so hat sich das verbreiten von Information und die Art und Weise in der das Publikum interagieren kann drastisch gedreht. Journalismus ist ein interaktiver Prozess geworden.

Journalismus gestaltet sich neu

In einem Interview mit Leif Kramp und Stephan Weichert von der Süddeutschen Zeitung, zeigt sich Journalismusexperte Stephen B. Shephard mit einer ähnlichen Einstellung zur Zukunft des Journalismus, insbesondere im Bezug auf die Ausbildung von Journalisten.

Mit dem mehr und mehr schwindenden Print-Markt wird der Journalismus nicht gehen, aber er wird sich neu erfinden müssen. Es gibt etliche Möglichkeiten multimedialen Online Journalismus zu betreiben. Wie schon Glaser erwähnt, ist auch laut Shephard diese Form von Journalismus nicht länger ein Produkt, sondern ein Prozess – ein Dialog zwischen Produzent und Nutzer. Gerade wegen dieser Interaktivität ist es wichtig, sich durch das freizugängliche Medium Internet nicht im Laienjournalismus zu verrennen, sondern weiterhin in die Ausbildung von Journalisten zu investieren, um sich so qualitativ hochwertigen, jedoch an die Umstände angepassten Journalismus für die Zukunft zu sichern. Außerdem müssen neue Geschäftsmodelle aufgebaut werden. Auch Online-Journalismus muss finanziert werden – ob durch Werbung oder Inhalt. Shephard nennt dies Hybrid-Journalismus: die Zukunft liegt in der Verschmelzung von Online und Zeitung. Wie Mark Glaser plädiert auch Shephard für den Journalist der Zukunft, der ein bisschen von allem kann: Gute Stories, Interaktivität, Video, Audio, Fotostrecken und vieles mehr. Die Frage ist nicht ob, sonder was das Internet Journalisten bietet.

Zusammenfassend steht fest: Der Markt verändert sich. Durch die immer mehr expandierende Online Media Industry hat das Print-Geschäft zurzeit schlechte Karten sich zu behaupten. Leider verliert dadurch der Journalismus für viele Junganwärter an Attraktivität, wenn selbst Zeitungen und Verlage um ihre Existenz kämpfen müssen. Laien feiern dafür mit zahlreichen Blogs und Twitter-Accounts mehr oder minder Erfolge. Die Zukunft des Journalismus scheint undurchsichtig.  Doch dabei sollte bewusst sein, dass der Journalismus an sich nicht ausstirbt, sondern sich viel eher auf neues Terrain begibt. Deshalb gilt es, sein Wissen zu erweitern.

Solange das Interesse an glaubwürdigem und qualitativem Informationsfluss nicht verschwindet, wird auch Journalismus nicht verschwinden. Er wird sich nur anpassen, an das Web 2.0.

Das detaillierte Interview mit Stephen B. Shepard gibt es hier: S. Shephard über die Zukunft des Journalismus

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Gehen Blogger zu naiv mit dem Urheberrecht um?

Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Das wissen wir. Eigentlich. Dennoch werden Gesetze im Internet so wenig ernst genommen wie sonst nirgendwo. Markus Beckedahl, Redakteur des Onlineportals Netzpolitik.org geht sogar so weit, dass er sagt: „Jeder, der das Internet aktiv nutzt und Medienkompetenz zeigt, begeht die ganze Zeit Urheberrechtsverletzungen.“ (telemedicus.info, 19.11.12).
Die Blogosphäre wurde in diesem Sommer von einer regelrechten „Abmahnwelle“ überrascht (unbelievable-pain.com, 19.11.12). Mehrere Autoren von Blogs unterschiedlicher Größe wurden mit Abmahnungen von Anwaltskanzleien konfrontiert. Der Vorwurf war immer der selbe: Urheberrechtsverletzung durch die unerlaubte Nutzung fremder Inhalte.
Die Verwunderung ist groß. Gerade die Menschen, die sich viel im Internet bewegen und sich sogar als journalistische Gegenöffentlichkeit bezeichnen, müssten doch wissen, welche Grundsätze im Hinblick auf das Urheberrecht gelten. Leider ist das offensichtlich nicht der Fall. Und dass das teuer werden kann, wissen seit diesem Jahr auch einige Blogger*.

Damit steht die Frage im Raum: Gehen Blogger zu naiv mit dem Urheberrecht im Internet um?

Werfen wir zuerst einen Blick auf die rechtliche Sachlage: In wie weit dürfen fremde Bilder für das eigene Blog benutzt und Links gesetzt werden?
Matthias Spielkamp ist Experte für das Thema Urheberrecht und Online-Journalismus. Der Journalist aus Berlin ist Gründungsredakteur des Projekts „iRights.info – Urheberrecht in der digitalen Welt“ und kennt sich mit den juristischen Grundlagen aus.

Fotos und Grafiken – das Herzstück vieler Blogs

Fotos und Grafiken gehören auf Blogs wie die Milch in den Cappuccino. Sie machen ein Blog ansprechender und interessanter. Wenn Blogger aber gerade keine Zeit haben, sich selbst hinter die Kamera zu stellen, suchen sie sich einfach ein schönes Motiv per Google-Bildersuche aus und fügen es ein. Um sich aber nicht strafbar zu machen, verlinken sie die Quelle noch schön mit einem „via“ unter dem Bild. Fertig.

Screenshot: via-Verlinkung unter einem fremden Bild auf dem Blog www. http://77p7zy.blogspot.de

Was für Blogger eine gängige Praxis zu sein scheint, ist rechtlich gesehen eine Urheberrechtsverletzung. Problematisch ist die Einbindung von fremden Fotos laut Matthias Spielkamp aus zweierlei Gründen: „Das bedeutet erstens, dass sie [die Bilder] vervielfältigt werden und zweitens, dass sie öffentlich zugänglich gemacht werden.“ Hat man dafür nicht die ausdrückliche Erlaubnis vom Rechteinhaber, also dem Fotografen oder aber auch einer Fotoagentur, macht man sich strafbar. Eine Quellenangabe alleine reicht also nicht aus!

Sind Links neuerdings verboten?

Im Zuge der Abmahnwelle veröffentlichte eine Bloggerin panisch einen Eintrag auf ihrem Blog, in dem sie schreibt, dass man Links nur setzen darf, wenn man die Erlaubnis vom Webseitenbetreiber eingeholt hat.

Ich dachte, man darf verlinken ohne Konsequenz. Denn der/die Verlinkte hat hier doch den Vorteil, dass meine Leser direkt auf die Seite kommen, von der ich spreche. Tjza Pustekuchen, man darf nur auf Hauptseiten verlinken und das war’s. Außer man hat die Erlaubnis der Onlineshops […]. (sayurilala.blog.de, 19.11.12)

Aussagen solcher Art führen zu einem regelrechten Infragestellen des WWWs: Welchen Sinn hat das Internet, wenn man dessen Eigenschaft der Hypertextualiät so rigoros einschränkt? Spielkamp kann entsetzte Blogger beruhigen: „Bei Links muss man grundsätzlich nicht nach einer Erlaubnis fragen. Man kann tatsächlich verlinken wohin man will.“ Dieser Grundsatz dazu wurde sogar vom Bundesgesetzhof in einem Urteil bestätigt.

Ohne Impressum keine Abmahnung?

Ein weiterer Rechtsverstoß, den man auf vielen Blogs beobachten kann, ist das fehlende Impressum. In Fällen privater Blogs, auf denen nur über den eigenen Alltag geschrieben wird, sei ein Impressum nicht notwendig – anders sehe es jedoch bei Blogs aus, die gewerblich geführt werden, z.B. indem auf ihnen Werbung eingeblendet wird (z.B. über Google Adsense), so der Experte.

Screenshot: rechts Google-Adsense Werbung auf dem Blog http://www.lydialucia.de

Hier müsse ein Impressum mit folgenden Angaben veröffentlicht werden: vollständige Namensnennung, ladungsfähige Anschrift und elektronische Kontaktmöglichkeit.

Viele Blogger möchten zum Schutz ihrer Privatsphäre oder zum Schutz vor einer Klage einige oder alle oben genannten Details geheim halten. Vor einer Abmahnung im Falle einer Urheberrechtsverletzung könne man sich so aber nicht schützen. „Wenn ein schwerer Fall vorliegt von einer Rechtsverletzung dann kann derjenige, dessen Rechte verletzt wurden auch Auskunft beim Provider erbitten.“ so Spielkamp. Lägen dort die Daten vor, werden sie an den Kläger weitergegeben.

Angst vor Abmahnungen

Soweit die rechtliche Lage. Doch was bedeutet das für die Blogger? Eins wird auf jeden Fall deutlich: Viele kennen höchstens ihre Rechte, aber niemand kennt seine Pflichten. Die veröffentlichten Abmahnungen haben in der Blogosphäre daher hohe Wellen geschlagen. Viele Blogger löschten aus Angst vorsorglich viele ihrer Blogeinträge, andere stellten das Bloggen ganz in Frage: „[…] man fragt sich, was es einem bringt zu bloggen, wenn man immer in der semilegalen Grauzone rumhängt“ (sayurilala.blog.de). Viele haben auch die Lust am Publizieren im Internet verloren und ziehen sich zurück (siehe ebenda). Eine Entwicklung, die das Internet in seiner Grundidee erschüttert.

„Das Urheberrecht sollte so einfach sein wie Verkehrsregeln“

Dass das Urheberrecht nicht unbedingt übersichtlich ist, kritisiert auch Spielkamp. Das Urheberrecht sei ein sehr komplexes Rechtsgebiet, das für Profis aus Verlagen oder Musiklabels gemacht worden sei, erklärt der Journalist. Auf der einen Seite soll es allen Menschen möglich sein, ein Blog zu betreiben ohne vorher einen Kurs zum Thema Urheber-, Persönlichkeits- und Presserecht absolviert zu haben. Denn das sei „weltfremd“ und praktisch auch nicht umsetzbar. Auf der anderen Seite stellen Blogs eine Art von Veröffentlichung dar, die jeder mit einem Internetzugang ansehen kann. Und Veröffentlichungen seien nun mal an gewisse juristische Regeln gebunden, betont Spielkamp.

Die [Blogger] betrachten ihre Veröffentlichungen als eine Art Privatvergnügen. Und diese alltagssprachliche Verwendung von ‚privat‘ ist sozusagen nicht übereinstimmend mit dem, was das Gesetz sagt.

Zur Illustration nennt Spielkamp den Fall, bei dem man selbst in die Situation gerate, dass die eigenen Rechte verletzt werden. In diesem Fall wolle man auch, dass derjenige identifiziert und zur Rechenschaft gezogen werde. Die Wichtigkeit von juristischen Regelungen ist daher nicht zu unterschätzen.

Matthias Spielkamp zu Rechteverletzungen auf Blogs by helenarott

Als Lösungsvorschlag sieht Spielkamp nur die Vereinfachung des Urheberrechts, am besten solle man es so einfach machen wie die Straßenverkehrsregeln. Es gebe viele unterschiedliche Vorschläge zur Verbesserung, beispielsweise sei es denkbar, dass Urheberrechtsverstöße ohne gewerbliche Absicht nicht sofort abgemahnt, sondern zuerst per Mailkontakt geklärt würden. Eine konkrete Einigung gibt es allerdings noch nicht.

Tatsache ist allerdings, dass es ein „Muss“ für Blogger ist, sich mit dem Thema zumindest grob auseinander zu setzen, um mögliche Verstöße von vorneherein zu vermeiden. Abmahnungen werden nämlich in der Regel ohne Vorankündigungen ausgesprochen und können teuer werden. Sie erfordern außerdem, dass der Betroffene sehr schnell handelt, was viele Laien schnell überfordern kann. „Grundsätzlich gilt: Fast alles, was im Web veröffentlicht wird, ist urheberrechtlich geschützt. Auch wenn kein ausdrücklich Hinweis angebracht ist” (klicksafe.de, 19.11.12).

In einigen Fällen von Urheberrechtsverletzung kann man aber auch von Glück im Unglück sprechen: Die abgemahnten Blogger wendeten sich an den Künstler der verwendeten Fotografie und fanden heraus, dass dieser seine Bildrechte nicht an die klagenden Agenturen abgetreten hatte. Die Klage war damit hinfällig und wurde zurückgezogen (siehe spiegel.de, 19.11.12).

Dennoch: Vorsicht ist besser als Nachsicht.

* Anmerkung: Im Folgenden wird durchgängig die männliche Form benutzt. Im Sinne des Gleichbehandlungsgesetzes sind diese Bezeichnungen als nicht geschlechtsspezifisch zu betrachten.

Im Rahmen der Ausarbeitung dieses Blogbeitrages wurde ein Interview mit Herrn Matthias Spielkamp geführt. Vielen Dank an dieser Stelle!

Ménage à trois – Wie das Social Web Public Relations & Journalismus erweitern

Zum Einstieg ein paar Zahlen für das Jahr 2012: Laut der ARD/ZDF-Onlinestudie nutzen 54,4 Millionen Deutsche das Internet. Das sind knapp 76% der Gesamtbevölkerung und drei Mal mehr Internetnutzer als noch im Jahre 2000 (18,4 Mio.).

Häufigster Anlaufpunkt der meisten User ist nicht mehr der Suchmaschinen-Gigant Google, sondern die sozialen Netzwerke, allen voran Facebook. Dies ging aus einer Studie der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers zu Beginn diesen Jahres hervor. Daraus wird deutlich, dass für viele Menschen im Internet die Ebene der sozialen Interaktion an Bedeutung gewonnen hat. Hier wird aus dem Web ein Social Web.

Social deshalb, da sich Freunde, Bekannte oder Kollegen in jeglichen sozialen Netzwerken (social Networks) zusammenfinden und sich dort digital austauschen, diskutieren, publizieren und Wissen teilen.

Der Medienwandel bringt aber nicht nur einen Wandel in der privaten Kommunikation mit sich. Auch auf professioneller Ebene hat sich einiges getan. Unternehmen nutzen das Social Web etwa für die Öffentlichkeitsarbeit und Journalisten können zum Beispiel ihre Leserbindung erhöhen.

Im folgenden Artikel soll angerissen werden, inwieweit sich das Social Web auf die Arbeit der Journalisten und PR-Strategen auswirkt und wie sie es sich zunutze machen könnten. Sofern sie gegenüber dem Trend des “Mitmachweb” aufgeschlossen sind, finden auch sie hier neue Möglichkeiten der Kommunikation und Interaktion. In diesem Kontext ist außerdem die (neue) digitale Interaktion zwischen dem PR-Berater und Journalisten erwähnenswert.

Im Anschluss an den Beitrag äußert sich Tapio Liller, Kommunikationsberater und Founder der Agentur Oseon (www.oseon.com), in einem Interview unter anderem über den Medienwandel in der PR-Praxis und die unterschätzten Möglichkeiten des Social Webs. Continue reading

Vom Monolog zum Dialog – Crossmedia im Zeitalter der Digitalisierung

„Wir befinden uns in der größten Medienrevolution seit Gutenberg.“ (Hubert Burda 2007

Bücher werden zu eBooks, Schreibmaschinen zu Tablet-PCs, Briefe zu Emails – Die Medienrevolution ist allgegenwärtig. Ihr Anführer heißt Internet, seine Anhänger sind wir – Du und ich, der Mann mit in der S-Bahn und die Frau im Café, die Studenten in der Bibliothek und der Nachbar im 3. Stock. Als neues Medium par excellence ist das World Wide Web aus unserem Alltag heute nicht mehr wegzudenken: Wir loggen uns ein, wir twittern, followen, posten, wir mailen, kommentieren und scrollen. Während sich immer weniger Menschen tagtäglich durch die Welt blättert, klickt sich die Mehrheit auf 13 Zoll durch sie hindurch und in sie hinein. Wir wollen nicht mehr einfach bloß blättern und rezipieren, wir wollen partizipieren und produzieren. Wir wollen die Welt mitgestalten. Continue reading