Wandel des Journalismus in Osteuropa

Mit Insider-Blick von Media-Experten

Technische Innovationen, Digitalisierung sowie veränderte Informations- und Kommunikationsmuster stellen den modernen Journalismus vor neue Herausforderungen. In den letzten Jahren haben wir die neuen Tendenzen sowohl in der Mediengestaltung allgemein als auch in den Journalismuskonzepten beobachtet. Das Web 2.0 hat die klassische Rollenaufteilung zwischen Produzent und Rezipient zur Geschichte gemacht. Heute kann jeder ohne großen Aufwand und Vorkenntnisse in Blogs, durch Social-Media, in Foren oder über Youtube neue Medieninhalte generieren bzw. mit der Welt kommunizieren. Kann sich also heutzutage jeder als Journalist bezeichnen? Wo liegt der Unterschied zwischen professionellen Journalisten und ihren Hobby-Kollegen? Was zeichnet Journalismus innerhalb des postsowjetischen Raums aus?

Obwohl die aktuellen Trends in der Medienbranche generell in eine Richtung gehen, sind die landesspezifischen Differenzen deutlich erkennbar. Die Erklärungen dafür findet man meistens in der Geschichte eines Landes, die die Gegenwart geprägt und Auswirkung auf viele bedeutende Wandelprozesse, einschließlich Medien, hat.

Wechselspiel zwischen Politik und Medien

Politik, Massenmedien, Demokratie: diese drei Dimensionen hängen eng zusammen. So beginnt mit dem Zerfall der Sowjetunion eine neue Phase für Journalismus in osteuropäischen Ländern. Das Ende von kommunistischer Propaganda und Zensur sollte neue Horizonte für die Journalisten öffnen, indem freie Meinungsäußerung und -verbreitung möglich wird. Es könnte ein Neuanfang für unabhängigen Journalismus werden. Es könnte, aber der Weg vom total kontrollierten Mediensystem hin zu Demokratisierung scheint von staatlicher Seite immer noch behindert zu werden.

Die 90er-Jahre brachten viele Veränderungen. Die Menschen waren es gewohnt, keine eigene Meinung, die der kommunistischen Ideologie widersprach, haben zu dürfen. Mehrjährige Repressionen gegen „Freidenker“ haben tiefe Spuren im Massengedächtnis hinterlassen, deswegen sollten die neuen Umstände zuerst verarbeitet werden. Das Mediensystem war davon auch betroffen, da die Rolle der Medien in den postkommunistischen Staaten noch ungewiss war: Ob sie zu einer selbständigen Institution werden oder weiter unter der Kontrolle der Regierung bleiben.[1] Viele Journalisten haben versucht, zeitgemäß zu handeln und sich umzuorientieren, um die Grundlage für eine freie und pluralistische Medienlandschaft aufzubauen. Bedrohungen, Verletzungen und Kündigungen waren in einigen Fällen die Reaktion auf die kritischen Meinungsäußerungen gegenüber den Machthabern.

Journalismus in Osteuropa: ein Problemaufriss

Es sind schon mehr als zwanzig Jahre seit der Auflösung des kommunistischen Regimes vergangen, die Mediensysteme in Russland, der Ukraine und in mehreren postsowjetischen Ländern haben sich seitdem mehrfach umstrukturiert. Und trotzdem stehen in vielen dieser Staaten die Medien immer noch unter Druck. Journalisten werden bedrängt und drangsaliert, Zugang zu Informationen wird eingegrenzt.

Dem Bericht der weltweit agierenden Medienrechtorganisation Reporter ohne Grenzen (ROG) zufolge, wurden im Jahr 2011 in Europa/GUS Staaten 2 Journalisten getötet, 2 entführt, 299 festgenommen und 301 angegriffen und/oder bedroht. Und nicht ohne Grund lässt sich vermuten, dass ein wesentlicher (wenn auch nicht überwiegender) Anteil dieser Verbrechen, vor allem gegen die Meinungsfreiheit, in ehemaligen GUS-Staaten geschah, wo die Situation mit der Presse meistens als kritisch bezeichnet wird. Außerdem stehen die osteuropäischen Länder auf der von ROG veröffentlichten Rangliste der Pressefreiheit weit hinten. Es wurde die aktuelle Lage der Medien in 179 Staaten im Jahr 2012 und 2013 analysiert und  zum Beispiel im Vergleich zu Deutschland, das den Platz 17 besetzt, landeten solche Länder wie Russland, Ukraine und Weißrussland dementsprechend auf den Plätzen 148, 126 und 157, was die Medienrealität in Osteuropa anschaulich widerspiegelt und auf die Probleme der Pressefreiheit aufmerksam macht. [2]

Was die Entwicklungstendenzen der Medienlandschaft in der Ukraine und in Russland betrifft, zielt [die] „repressive staatliche Medienstrategie […] auf zwei Dinge ab. Erstens, die freiwillige Selbstzensur der […] Journalisten als Konsequenz der individuellen Bedrohung von Journalisten durch staatliche Organe bzw. der Gefahr, dass das Medium als Ganzes staatlichen Repressionen zum Opfer fällt. Und zweitens: Die gezielte Instrumentalisierung der Medien“ [3], die nur vom Staat erwünschte Informationen verbreiten.

Online-Medien als Ausweg?

Digitale Medien haben die Situation wesentlich verändert und den Journalismus auf die nächste Stufe gebracht. Mit den neuen Kommunikationskanälen (z. B. Blogs, Twitter usw.) kommen zusätzliche Möglichkeiten ins Spiel. Viele Journalisten haben für sich bereits Online-Media als Alternative zu den klassischen, inoffiziell zensierten Massenmedien entdeckt und nutzen sie für unabhängige Meinungsäußerung. Aber auch hier gibt es einige Hürden.

Laut Ergebnissen der Internet World Stats für das Jahr 2012 ist die Anzahl der Internetnutzer in osteuropäischen Ländern immer noch deutlich niedriger als im Westen. So beispielsweise in Weißrussland (46%), Russland (47%) und in der Ukraine (34%) geht weniger als die Hälfte der Gesamtbevölkerung online und in Deutschland sind es mehr als 80%.  Außerdem lebt die überwiegende Mehrheit der Nutzer in großen Städten wie Moskau, St. Petersburg, Kiew, Minsk usw., somit sind Bewohner der relativ kleinen Städten oder der ländlichen Gebiete zum großen Teil auf die klassischen Medien und deren häufig einseitige und nicht objektive Berichterstattung angewiesen. Zusätzlich darf der Altersfaktor nicht außer Acht gelassen werden, da die meisten Internetnutzer junge Menschen unter 25 Jahre sind.[4] [5]

Internetnutzung

Quelle: Internet World Stats

Ein weiteres Problemfeld in Bezug auf Meinungsfreiheit ist staatliche Kontrolle, die in der letzten Zeit auch im Online-Bereich ausgeübt wird. Es wird immer wieder versucht Mechanismen zu entwickeln, um auch die Inhalte von Blogs und Webseiten zu überwachen und zu zensieren. So trat bereits im Jahr 2010 in Weißrussland ein Zensurgesetz in Kraft, das der Landesregierung erlaubt, offiziell den Datenverkehr aller Internetnutzer zu kontrollieren sowie das Nutzungsverhalten aller Mitbürger zu protokollieren.

Als ein weiteres Beispiel kann man auch die so genannte Schwarze Liste verbotener Internetseiten erwähnen, die in Russland seit November 2012 existiert. Es werden die Seiten blockiert, die pornografische oder anderen kinderschädliche Inhalte haben. Auf den ersten Blick ist das nichts Außergewöhnliches und trotzdem haben Protestaktionen von Seite der russischsprachigen Wikipedia, LiveJournal, Jandex, Vkontakte usw. statt gefunden. Warum? Weil das politische Regime, für das Demokratie eher ein fremdes Wort ist, durch dieses neue Gesetzt mehr Möglichkeiten erhält, zu steuern, was im Netz veröffentlicht wird und was nicht. Und trotzdem bieten Internetplattformen immer noch mehr Spielraum für Meinungsvielfalt und -freiheit als zum Beispiel Fernsehen sowie Printmedien und werden von vielen als eine alternative Informationsquelle genutzt. Auch viele Journalisten greifen die Möglichkeit auf, sich in den Blogs frei über umstrittene politische und/oder gesellschaftliche Themen zu äußern und darüber zu diskutieren. [6] [7]

Was denken die Experten?

Für einen tieferen Einblick in die Medienwirklichkeit in osteuropäischen Ländern wie Ukraine und Russland haben wir Experten aus der Medienbranche sowie dem Bildungssektor (mit dem Schwerpunkt Journalistik) um ihre Meinung zu bestimmten Aspekten gefragt. Auf die meist interessanten, einander ergänzenden oder auch konträren Meinungen wird im Weiteren ausführlicher eingegangen.

Interviewpartner:


  • Vasily Gatov
Vice-President at Russian Publisher’s Guild,  Leiter von MediaLab Project bei RIA Novosti (News), Inhaber/ President und Publizist bei 625 Publishing sowie bei 625 Magazine
  • Bernd Johann
Leiter der Ukrainischen Redaktion der Deutschen Welle in Bonn
  • Jaroslav Skvortsov
Dekan der Fakultät für internationalen Journalismus an dem Staatlichen Moskauer Institut für internationale Beziehungen
  • Vitaly Petrovsky
Chef-Redakteur bei Delfi.ua

Zugang zu Informationen

Eine rasante Entwicklung von neuen Informationstechnologien gibt natürlich mehr Möglichkeiten für Informationsanschaffung. Ob die Situation in osteuropäischen Ländern sich diesbezüglich auch wirklich verändert hat und über die Qualität solcher Informationsquellen haben wir unsere Experten gefragt.

Bernd Johann

Bernd Johann [8]

„Die Entwicklung des Internets hat den Zugang zu Informationen in der Ukraine vereinfacht. Wie in anderen Ländern wächst auch in der Ukraine die Zahl der Online-Nutzer schnell. Informationen lassen sich damit praktisch von jedem Ort und zu jeder Zeit abrufen“, bewertet Bernd Johann die Mediensituation in der Ukraine. Aber was die Qualität von Informationen angeht, ist er weniger optimistisch: „Nicht immer sind diese Informationen zuverlässig und glaubwürdig. Die Qualität vieler Medien in der Ukraine ist nicht gut. Medienunternehmer mischen sich in die Redaktionspolitik ein. Staatliche Behörden geben Informationen nicht heraus. Die staatlich kontrollierten Medien berichten über viele Themen nicht. Viele Journalisten haben Angst, ihren Job zu verlieren und tragen deshalb eine Schere im Kopf.“

Photo: lenta.ru

Vasily Gatov [9]

Vasily Gatov ist davon überzeugt, dass der Zugang zu Informationen nicht nur einfacher, sondern auch „umfassender“ geworden ist. Er geht auf diesen Punkt genauer ein: „In den letzten zehn bis zwölf Jahren aktiver Entwicklung der digitalen Medien ist nicht nur ein größerer Informationsumfang verfügbar geworden, sondern hat sich auch die Anzahl der Möglichkeiten, diese Daten zu organisieren bzw. zu strukturieren, deutlich vergrößert. Solche Technologien wie Yandex-News und Google-News sind ein gutes Beispiel für fast an die Grenzen gehende Realisation von künstlicher Intelligenz, wenn man sie mit unstrukturierter Datenmasse vergleicht. Man konnte sich solche Möglichkeiten vor sieben bis acht Jahren gar nicht vorstellen. Was die Qualität dieser Informationen angeht, ist es wie üblich eine Frage der subjektiven bzw. persönlichen Einstellung. Das Internet bietet genauso viel ‚qualitative Informationen‘ wie die anderen Massenmedien auch. Der einzige Unterschied besteht darin, dass es im Internet sozusagen eine Gleichberechtigung aller Quellen und praktisch keine Filtermechanismen (z. B. nach Preis oder Publikumsaufmerksamkeit) gibt und deswegen bekommen wir als Ergebnis mehr ‚Informationsmüll‘ zu sehen. Mit anderen Worten sind auch viele Printausgaben keine intellektuellen Magazine, sondern enthalten Kreuzworträtsel und füttern uns mit ‚Trash‘-Nachrichten. Sie werden aber nicht von jedem gekauft. Hier ist ein bewusster Medienkonsum gefragt, weil im Internet solche ‚Trash-Seiten‘ mit entsprechendem Informationsniveau auch versehentlich (z. B. wenn man einem Link folgt) geöffnet werden können.“

Soziale Netzwerke, Twitter und Blogs als Informationsquelle

Skvortsov1

Jaroslav Skvortsov [10]

Darf eigentlich ein Journalist solche Web 2.0-Technologien wie soziale Netzwerke, Twitter oder Blogs als zuverlässige Informationsquellen behandeln? Zu diesem Aspekt gab es kontroverse Meinungen von unseren Experten. So ist Jaroslav Skvortsov der Ansicht, dass Informationen aus dem Web 2.0 eine gründliche Nachprüfung erfordern und deswegen eher nicht als Quelle gesehen werden sollten, sondern „als ‚Hinweis‘ oder als Tipp für die weitere Suche, oder aber auch als Kommentar – warum nicht? Anders gesagt, Blogosphäre steht für views, not news.“

Der andere Experte zeigte sich den neuen Medien gegenüber offener und meinte, dass ein Journalist das Web 2.0 nicht nur als Recherchequelle benutzen „darf“, sondern sogar „soll“: „Das Web 2.0 ermöglicht aktive gegenseitige Kommunikation, Sozialisation und Kontextualisierung des Contents, eine der wichtigsten Vorgehensweisen beim Sammeln und bei der Analyse von Informationen, und bietet einen Weg zu Qualität und Effizienz“, erklärt Vasily Gatov. „Einerseits besteht die Möglichkeit von den Ereignissen direkt von der ersten Quelle bzw. dem Augenzeugen (z. B. über Twitter), in Echtzeit und ohne die zahlreichen Zwischenglieder bzw. Vermittler, zu erfahren, unbezahlbar. Andererseits sollte man die gleichen Bewertungskriterien für die Informationsquellen aus Sozialen Netzwerken wie für die ‚traditionellen‘ Nachrichtenquellen haben, d. h., ohne zwei unabhängige Bestätigungen kann sie nicht als Tatsache gelten.“

Und Bernd Johann präzisiert die Vorgehensweise bei der journalistischen Recherche im Internet: „der Journalist sollte bei der Auswahl [von z. B. Webseiten] stets folgende Fragen stellen: Wie glaubwürdig ist der Autor der Seite? Woher hat der Autor seine Informationen? Legt der Autor seine Quellen offen? Lassen sich die Informationen auch durch andere Webseiten bestätigen? Wenn es mehrere unabhängige Quellen für eine Information gibt, dann kann die Information verwendet werden. Sollte es nur eine Quelle geben, dann ist immer Vorsicht angebracht.“

Ist ein Blogger ein Journalist?

Heutzutage haben immer mehr Menschen ihren eigenen Blog. Aber die Frage ist, ob man sie auch als Journalisten bezeichnen kann. Also was macht einen Blogger zum Journalist und wo liegen die Unterschiede?

Vasily Gatov, geht davon aus, dass auch die Blogger als Journalisten betrachtet werden können, aber „nur unter bestimmten Umständen. Und zwar, wenn sie die erforderlichen Bedingungen für journalistisches Arbeiten wie z. B. Informationsprüfung, Unterscheidung zwischen einem Fakt und einer Meinung usw., die auch bei den Profis ein Muss sind, erfüllen. Dann kann man solche Blogger als Journalisten betrachten. In dem Fall, wenn ein Blog nur als Werkzeug, um sich selbst auszudrücken, gilt, hat dann ein solcher Blogger viel mehr gemeinsam mit einem Schriftsteller, der eine eigene ‚deformierte‘ Vision von der Realität hat und deswegen nicht die maximal objektive Wiedergabe von Informationen in den Vordergrund stellt.“

Jaroslav Skvortsov bemängelt zusätzlich die gewohnte Verlagsstruktur: „Blogger haben keine Hauptredakteure und  keine sogenannte ‚Verlagspolitik‘ [bzw. redaktionelle Linie]. Sie haben keine Fristen und es fehlt die Periodizität.“

„Heute beginnen sehr viele Journalisten als Blogger und dann später werden viele von denen zu erfolgreichen Führungskräften im Bereich Massmedia“, teilt uns im Interview Vitaly Petrovsky mit und betont, dass es kein Einzelfall ist, dass anfangs unbekannte Blogger, die ihre Beiträge bei LiveJournal veröffentlich haben, anschließend zu bekannten Persönlichkeiten geworden sind.

Journalismus 2.0

Neue Technologien haben nicht nur Informationsanschaffung und -verbreitung auf eine weitere Stufe gebracht, sondern auch das Journalistenbild in Bezug auf Fähigkeiten und Kenntnisse verändert. Es entstehen neue Anforderungen an den Medienmacher in dem digitalen Zeitalter. Welchen Kompetenzen soll eine Person mitbringen, um in dem Berufsfeld Journalismus tätig zu sein?

Als erste Herausforderung für einen modernen Journalist bzw. eine Journalistin nennt Bernd Johann die immer wachsende Informationsflut, was natürlich die Bewertung der Glaubwürdigkeit von Informationen enorm erschwert. „Zugleich wird der Beruf des Journalisten technisch immer anspruchsvoller. Denn er muss die neuen und die traditionellen Medien beherrschen. Künftig werden immer Journalisten multimedial arbeiten. Sie werden Texte schreiben, sie werden Fotos machen, sie werden eigene Videos drehen. Denn das Internet wird die traditionellen Medien – TV, Radio, Zeitung – noch viel enger zusammenbringen“, erklärt er.

Vasily Gatov teilt auch seine Meinung, dass die Fähigkeit mit Informationsmengen zu arbeiten, „die in der medialen Welt ganz verschiedene Formen annehmen, inklusive derjenigen, mit denen der Umgang während des Studiums nicht gelernt wird“, von besonderer Relevanz ist. „Dazu kommt die Notwendigkeit, sich schnell neue Kommunikationswege anzueignen und den neuen Spielregeln anzupassen, weil zukünftig statt Facebook ein neues Soziales Netzwerk kommt sowie Twitter durch ein anderes Medium ersetzt wird usw., deren Arbeitsweisen im Hinblick auf Informationen von den bereits existierenden abweichen können. Und der letzte Punkt: Ein professioneller Online-Journalist muss über standhafte ethische Prinzipien verfügen, denn die Interaktivität und Variabilität des digitalen Umfelds kann schon eine harte Probe werden, weil man ständig ‚provoziert‘ wird, ohne Faktenüberprüfung, die Texte einfach abzuschreiben.“

Vor- und Nachteile des Online-Journalismus

Was diesen Aspekt angeht, unterstrich Vasily Gatov im Interview, dass trotz einigen Differenzen zwischen Online- und Offline-Journalismus, auch einige Gemeinsamkeiten bestehen. Obwohl seiner Meinung nach bei Online-Journalismus „einige traditionelle ‚Krankheiten‘ wie Oberflächlichkeit, das Fehlen von Originalität, Konzentration auf Form statt Inhalt“ verschärft werden.

„Wenn es sich um einen professionellen Journalist handelt, macht es keinen Unterschied, wo man schreibt“, ergänzt Vitaly Petrovsky. „Internet hebt viele Begrenzungen auf. Bei einer Zeitung oder Zeitschrift ist es üblich, dass ein Autor nur eine begrenzte Anzahl von Zeichen und  Fotos einbringen kann, und im Netzhat man mehr Spielraum.“

Printmedien vs. Online-Zeitungsausgaben

Bei der Zukunftsvision von Entwicklungstendenzen in Print- und Online-Bereich waren sich unsere Medien-Experten nicht einig. Während Jaroslav Skvortsov sich eher als Vertreter der alten Schule zeigte, die beim Lesen lieber eine gedruckte Version in der Hand haben möchten, hatte Vasily Gatov viele Argumente, warum in Zukunft Online-Medien dominieren werden:

„Online-Ausgaben von Zeitungen unterscheiden sich von ihren Printversionen […] in Periodizität (die neue Artikel werden auf der Seite mehrmals am Tag aktualisiert) und in interaktiver Kommunikationsform, die es ermöglichen, ein Feedback von Lesern zu bekommen. Außerdem beziehen einige Online-Zeitungen neue Contentformen wie Video und Audio mit ein, die eigentlich für eine Zeitung nicht inhärent sind. Online-Versionen ersetzen traditionelle Printmedien und dieser Prozess wird immer schneller, da er durch die Verbreitung bzw. Nutzung von Smartphones, Tablet-PCs und Laptops praktisch unterstützt wird.“

Und Bernd Johann ist auch der Ansicht, dass „eine weltweite Tendenz, dass das Internet die klassischen Printmedien verdrängt“ nicht weg zu denken ist. „Nur wenige qualitativ und inhaltlich hochwertige Printmedien werden sich im Wettbewerb mit den Internetmedien behaupten können“, hob er hervor.

Jaroslav Skvortsov dagegen ist davon überzeugt, dass jedes Medium seine eigene Zielgruppe hat und aus diesem Grund erhalten bleibt:  „Ich finde einen metaphorischen Vergleich von einem Freund von mir, Gleb Cherkasov, der bei der Zeitung ‚Kommersant‘ tätig ist, gut zutreffend: ‚Das Verhältnis zwischen Online und Printmedien ist wie ‚eine Zigarrenkultur. Eine Zigarette ist leichter und bequemer, aber dadurch wird es nicht weniger Zigarrenliebhaber geben, es bleibt wie eine Tradition mit einer dazugehörigen einzigartigen Atmosphäre.‘ Genau so verhält es sich auch mit den Printmedien, die ihre Nische bewahren, weil‚ Gourmandise‘ (bzw. die Kunst etw. exquisites zu genießen) eben kein Massenphänomen sein kann.“

Vertrauensfrage: TV, Zeitung oder Online-Medien?

Wie bereits erwähnt wurde, nutzt weniger als die Hälfte aller Bewohner in der Ukraine sowie in Russland das Internet, und das sind überwiegend junge Menschen. Daher behalten die klassischen Medien immer noch ihre Position als Hauptinformationsquelle bei vielen Bevölkerungsgruppen, die den Online-Medien gegenüber immer noch sehr skeptisch sind. Aber was sagen die Experten dazu?

„Egal ob TV, Radio, Printmedien oder Internet: Wenn diese Medien stets glaubwürdige und exklusive Informationen bieten, werden sie das Vertrauen der Menschen finden“, kommentiert die Situation Bernd Johann. „Wenn sie sich aber in die Dienste der Politik oder der Wirtschaft stellen, werden sie das Vertrauen ihrer Leser und Zuschauer verspielen.“ Ganz seiner Ansicht ist auch Vasily Gatov, der sich mit dieser Thematik weiter auseinandersetzt: „Mehr Vertrauen genießen diese Medien, die den Lesern relevante und ihren Interessen entsprechende Themen anbieten. Ob diese Information auf dem Papier, auf dem Bildschirm oder mittels Lautsprecher vermittelt wird, ist von geringerer Relevanz. Online-Medien sind interaktiv […], was sie für die Rezipienten, für die wichtig ist, die eigene Meinung mitteilen zu können, attraktiver macht. Das betrifft insbesondere junge Generationen, deren Besonderheiten kritisches Denken und pragmatische Analyse von Informationen sind. Dementsprechend vertrauen sie mehr Online-Medien.“

Meinungsfreiheit in Russland und in der Ukraine

Meinungs- und Pressefreiheit in Osteuropa gehören zu viel diskutierten und umstrittenen Themen. Um eine umfassendere Vorstellung von der Mediensituation in der Ukraine und Russland zu bekommen, haben wir unsere Experten diesbezüglich um ihre Bewertung gefragt.

„Die Presse- und Meinungsfreiheit ist offiziell in der Ukraine gewährleistet. Allerdings bedroht die zunehmende Oligarchisierung der Medien immer mehr die journalistische Freiheit. Reiche Unternehmer, die dazu eng mit der Politik verflochten sind, kontrollieren die meisten Medien und verfolgen dabei ihre eigenen Interessen“, kommentiert der Leiter der Ukrainischen Redaktion bei der Deutschen Welle, Bernd Johann. „Hinzu kommt das große Problem der bezahlten Berichterstattung. Artikel und Sendezeit können gekauft werden. Viele Medien verkaufen sich regelrecht an Politiker oder Geschäftsleute. Außerdem nimmt der Staat Einfluss auf die Medien. Das betrifft vor allem die staatlichen Medien. Aber über die Vergabe von Lizenzen und Frequenzen kann der Staat auch Einfluss auf private Medien nehmen. Das betrifft vor allem die TV-Medien, die nach wie vor die meisten Menschen in der Ukraine erreichen. Im Vergleich dazu sind die Online-Medien derzeit weitgehend frei. Allerdings fehlen ihnen teilweise die Finanzmittel, um aufwendige Recherchen zu betreiben.“

Wie aus den Antworten der anderen Interviewpartner hervorgeht, ist die Lage der Pressefreiheit in der Russischen Föderation auch bedenklich: „In Russland gibt es keine Massenmedien, die der Zensur – im wahrsten Sinne des Wortes – ausgesetzt sind. Was wir heute darunter verstehen, ist eine politische Kontrolle noch in der Vorbereitungsphase, also vor der Veröffentlichung. Es wird eine Tagesordnung bestimmt und die Meinungen und Quellen nach dem Prinzip ‚akzeptabel‘ oder ‚unakzeptabel‘ verteilt“, spricht Vasily Gatov aus eigener Erfahrung. „In Online-Medien zeigt sich keine politische Kontrolle, mit Ausnahme von denjenigen Redaktionen, die sich einer politischen Struktur freiwillig verpflichtet haben. Wo es keine Verpflichtungen gibt, existiert die politische Kontrolle nur in Form der Unzufriedenheit der politischen Akteure mit dem bereits veröffentlichten Kontext.“

Zukunft des Journalismus

Abschließend haben wir unsere Experten gebeten, uns ihre Zukunftsvision von Journalismus bzw. der Medienbranche in osteuropäischen Ländern zu verraten. Bei dieser Frage haben Bernd Johann und Vasily Gatov absolut unterschiedliche Aspekte angesprochen/berührt.

So verwies Bernd Johann auf die entscheidende Rolle des politischen Kurses eines Landes, wenn man über die Zukunft von Journalismus in Osteuropa spricht. Um über mögliche Entwicklungsszenarien und -tendenzen spekulieren zu können, muss man in erster Linie die politische Lage berücksichtigen: „Wenn das Land den demokratischen Reformprozess fortsetzt, können die Journalisten diesen Prozess kritisch begleiten und ihm immer wieder Impulse geben. Wenn sich die Ukraine aber in eine autoritäre Struktur verwandelt, dann wird der Spielraum für Journalisten immer enger. Das Internet wird dann der Ort, wo Journalismus  möglich bleibt, während TV und Zeitungen zum Werkzeug von Oligarchen und Politikern werden.“

Aus einer anderen Perspektive wird die Frage über seine Zukunftsvision des Journalismus in Russland von Vasily Gatov beantwortet: „Uns erwarten schwierige, aber trotzdem interessante Zeiten. In dem journalistischen Berufsfeld finden massive und nicht immer linear verlaufende Veränderungen statt, was insbesondere die Kompetenzen betrifft. Leider steht Russland nicht an der Spitze dieses Wandels, obwohl wir relativ weit vorne liegen, wenn es um die Technologie geht. Unsere Zukunft hängt vor allem von ideenreichen Köpfen, Fähigkeiten, Offenheit und Ehrlichkeit ab, nicht von mehr, aber auch nicht von weniger.“

Olena Mykhaylychenko
Anton Sementsov

Einzelnachweise:

  1. Hribal, Lucie (2003): Medien und Demokratisierung in Osteuropa.
  2. Reporter ohne Grenzen (2013): ROG veröffentlicht aktuelle Rangliste der Pressefreiheit.
  3. Schlindwein, Simone: Zwischen Propaganda und Kommerz – Medien(un)freiheit in Südost-, Mittelost- und Osteuropa.
  4. European Journalism Cetre (2010): Media landscape: Russia.
  5. European Journalism Centre (2010): Media landscape: Ukraine.
  6. Deutsche Welle (2009): Russland: Blogs als Hort der Meinungsfreiheit?
  7. Gorny, Eugene (2009): The Russian blogosphere and politics: Reporting, discussion and collective action.
  8. Photo: dw.de.
  9. Photo: lenta.ru.
  10. Photo: mgimo.ru.

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