YouTube: Fernsehen der Zukunft ?!

Webvideo – das spielende Kind im Internet

„Webvideos atmen die frische Luft des Netzes und hüpfen wie ballspielende Kinder über die Wiese, während Fernsehinhalte hinter einer Sauerstoffmaske kauernd im Wartesaal des HNO-Arztes sitzen. Doch anstatt die Jugend um Hilfe zu bitten, wird diese belächelt. Und wenn es Ernst wird, übernehmen wieder die Erwachsenen, selbst wenn es sich noch so schwer unter einem Sauerstoffzelt atmet. Die European Web Video Academy (EWVA) möchte dem jungen Mediengenre Webvideo dabei helfen, sich selbstbewusst neben die etablierten Bewegtbilder zu stellen und eine eigene Sprache zu entwickeln. Die EWVA möchte Netzwerke schaffen, Dialoge führen und den Wissensaustausch befördern.“

Youtube Generation Creative Commons (@ Jonsson)

Creative Commons (@ Jonsson)

Das Webvideo hat eine unvorhergesehene Popularität erreicht. Mal ist es laut und schrill, es kann aber auch leise und schlicht die Massen begeistern. Für viele ist es zu einem Gegenstand des täglichen Gebrauchs geworden. Man schaut sich Videoclips an, die gut unterhalten, nachdenklich machen, Ratgeber sind, oder welche auf die man durch Zufall gestoßen ist. Gefällt einem was man sieht, steht es einem offen den geschauten „Channel“ zu abonnieren, sodass man eigene Fernsehkanäle mit beliebigen Themen zusammenstellen kann. Interaktiv kann man die online gestellten Videos kommentieren. Ein direkter Austausch zwischen Verfasser und Konsument ergibt sich, wobei zum Beispiel durch Videoantworten auf einen Clip die Zuschreibung aufgehoben werden muss. Die Linien zwischen passiven und aktiven Gebrauch verschwimmen. Eine Form des Austauschs wird geschaffen, die das klassische Fernsehen so nicht bietet. Man kann von zu Hause, aus seinem Schlafzimmer/Arbeitsplatz, bequem ein Video kreieren, dieses in die Welt hinaus schicken und auf Komplimente, Kommentare, oder Kritik warten. Ein faszinierendes Phänomen. Man braucht lediglich eine Kamera und Internetzugang. Grundsätzlich kann jeder mitmachen. Das Internet und somit auch das Video stellt eine neue Form von Öffentlichkeit und Demokratie bereit. Es wird ein Kommunikationssystem geschaffen, in welchem Informationen und Meinungen ausgetauscht werden und wirklich jeder Zugang hat. Die Unabgeschlossenheit des Publikums, das nicht nur aus Experten besteht, ist ein anderes wichtiges Element. All jene Faktoren machen den Reiz des Webvideos aus. Jetzt wird  interessant, wie dieses undurchschaubare Hin und Her von Usern mit Geburtsdatum im Nickname zu bewerten ist. Ganz logisch, dass die Frage aufkommt, ob Fernsehen und Webvideos weiter nebeneinander existieren können.

Markus Hündgen

Markus Hündgen
Creative Commons (@ traukainehm)

Mit Markus Hündgen, Webvideopunk und Initiator des Webvideopreises, habe ich mich über die Zukunft der Bewegtbilder, im Fernsehen und im Internet, unterhalten. Er beschreibt, dass das Webvideo wegen der sich neu bietenden Möglichkeiten so beliebt ist. Noch immer haftet dem Webvideo der Ruf des Underdogs an. So hätte er nach eigenem Ermessen letztes Jahr argumentiert. Heute äußert er sich ein wenig zurückhaltender. Schließlich stecken wir mitten drin, in der Medienrevolution. Immer mehr Interessen kommen zusammen, die auf das Video Einflussnehmen, was es können, und leisten soll. Die Grenzen der Zuschreibungsmöglichkeiten verwischen. Ganz nach dem Motto „alles kann, nichts muss.“

Über die Frage, wie klassisches Fernsehen und das Webvideo zueinander stehen grübelt Hündgen erst einmal. Dann entscheidet er sich dazu, mir (Medienwissenschaftlerin, immerhin mit Bachelorabschluss) zu sagen, dass diese Frage praktisch nicht im Rahmen dieses Interviews zusammengefasst werden kann. Es kommen ganz viele verschiedene Bestandteile einer noch viel größeren Bewegung zusammen. Zur Zeit entstehen veränderte Produktionsressourcen, neue Distributionskanäle tun sich auf, was wiederum Auswirkungen auf den Inhalt der Bewegtbilder hat. Zugegeben, vielleicht hätte ich diese Frage nochmal überarbeiten sollen. Denn weiter geht’s so: In Abgrenzung zum statischen TV bietet das Webvideo neue Möglichkeiten des „angepassten“ Konsums. Video-on-Demand, Interaktion und der Community Charakter sind neue Spielgrößen die Hündgen hervorhebt. Das Webvideo ist Social Media! Und somit Bestandteil eines noch viel größeren Systems. Zwar kann das Webvideo in der Produktionsdichte der Beiträge, oder der inhaltlichen Aufarbeitung bestimmter Themen, sowie deren Produktionsqualität, mit dem Fernsehen als etabliertes Medium nicht mithalten, dafür wohnt dem Konzept des Onlinevideos eine enorme soziale Komponente inne.

Oft wird beschrieben, dass zwischen Zuschauer und Vlogger ein ganz enges Verhältnis entsteht. Der Videomacher wird zum persönliche Ratgeber. Es lässt sich gut nachvollziehen welcher YouTouber mit wem in Kontakt steht. Immer bietet sich die Gelegenheit im eigenen Channel auf andere zu verweisen, sodass der Eindruck einer offenen Community entsteht. Der Erfolg des Webvideos liegt wohl auch darin begründet, dass dieses Format sich nicht an Regeln halten will, und es in erster Linie dem Entertainment dient. Andere Genres werden es vielleicht mühsamer haben, sich zu etablieren, da eine Orientierung am TV nahe liegt. So offenbart mir der Videopunk:  “das Webvideo ist einfach mehr In your face“ 

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs, der tiefe Abgründe meiner Internetnutzung sichtbar werden lässt: Ein ganz erstaunliches Beispiel aus den USA, das vor kurzem über meinen heimischen Bildschirm geflimmert ist, bietet Jenna Marbels, die wöchentlich Videos erstellt. Oft auf Nachfrage gewünschter Themen ihrer Follower. Zur Zeit haben 4.744.570 (Stand: 16.11.2012), eine unglaublich große Onlinegemeinde also, ihren Channel abonniert. Ihr „Geheimrezept“ besteht aus einer ordentlich großen Portion Authentizität, denn obwohl sie mittlerweile zu einem Videosternchen am Spaßfirmament geworden ist, bestehen ihre Beiträge aus geballter Energie. Ihre Videos zeigen sie, in ihrem Schlafzimmer, auf dem Bett sitzend, sie erzählt persönliche Geschichten, flucht, macht Quatsch vor der Kamera, erläutert ihre Ansichten und hat Spaß bei allem was sie tut. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und politisch korrekt ist keines ihrer Videos. Was natürlich die Freude an diesen ungemein fördert.

Neben diesem Beispiel, oder anderen Überraschungshits, wie der mittlerweile steinreiche „David after Dentist“, gibt es unzählige Videos, die durch eine ganz eigene Brillianz bestechen. Sei es durch eine kreative Dramaturgie, oder die perfekte Machart. Hündgen vermutet, dass sich die Produktion in der Zukunft nicht auf eine Richtung beschränken muss. Er beschreibt eine zweiteilige Lösung im Internetparadies. Es wird in Zukunft sehr stark professionalisierte Videos geben. Welche, die auch dem Auge, das Fernsehansprüche erhebt, entsprechen können. Daneben wird der Videoblog als funktionierendes System bestehen bleiben. YouTube hat es möglich gemacht mit geringsten Produktionsmitteln Inhalte zu vermitteln. Eswird sich ein Mittelweg abmalen, mit welchem beide Seiten bedient werden. So fragt man sich heute: gab es wirklich eine Zeit vor YouTube?

Hündgen erinnert: “Ne Intention gab’s nie”. Es war nie gewollt, dass Menschen in die Webcam sprechen und ihren noch warmen Gehirngulasch verbreiten. Man braucht aber keine Angst zu haben, dass sich beim Webvideo Persönlichkeiten hervortun, die lediglich das Fernsehen nachahmen. Wer soll denn etwas gegen eine gutes Bild, guten Schnitt, Ton oder Dramaturgie haben? Niemand! Es ist nur nicht Grundvoraussetzung, dass ein Video funktioniert.

Die Marketingleute haben sich mit der Idee, dass eine Werbung dem authentischen Internetvideo nachempfunden werden kann verschätzt. Miese Kamera, Schwenks und Co., jeder würde das anders machen, hätte man ausreichend Ressourcen, so der Webexperte. Noch gehen die TV-Macher von ihrer Allmächtigkeit aus. Er stellt die berechtigte Frage, wie es sein kann, dass ein ähnlicher Branchenzweig, die Musikvermarktung, komplett aus einem Profitwindow ausgeschlossen wird, ohne, dass Aufruhr bei den Fernsehsendern entsteht. Man wähnt sich noch zu sehr in Sicherheit. Das Fernsehen muss anfangen zu kämpfen. Es geht eben nicht nur um Produktion von Inhalten. Die können auch kreative „Freie“ schaffen.  Das Konzept TV muss sich etwas einfallen lassen.

Live hat zum Beispiel im Fernsehen immer gut funktioniert. Und in diesem Augenblick haben die TV Sender auch viel mehr Erfahrung und technische Ausrüstung. Neben dem Know-how, wie zeitgleiche Übertragungen am besten aufgearbeitet werden kann, haben die Sender auch die alleinige rechtliche Kompetenz, Mitschnitte in das Programm einspeisen zu dürfen. Die Grundlage dafür bildet der Rundfunkstaatsvertrag (§20 Abs. 1). So hat man das Fernsehen mit den konfektionierten, in Blöcken gedachtem Programm, während das Bewegtbild im Internet mehr einen Prozess darstellt. YouTube, oder auch MyVideo sind dagegen eher ein kommentierender Schluckauf, was sich mit dem Fernsehen wunderbar ergänzen kann. Es zeichnet sich für die Zukunft eine Art Mittelweg ab. Man wird versuchen im TV, wie auch im Internet beide Seiten zu bedienen. Eine Grenze, welche Zuschreibung auf welches Medium passt, wird es nur noch tendenziell zu beobachten geben.

Also bleibt als Tipp ans Fernsehen: „ experimentiert, macht mit, holt euch ne blutige Nase.“

Quellen

  • Jäckel, Michael: Medienwirkungen, Ein Studienbuch zur Einführung, 4. Auflage. Kap. Die Hypothese von der wachsenden Wissenskluft. Westdeutscher Verlag: Wiesbaden 2002

  • Neuberger, Christoph: Ergebnisse einer Onlinebefragung; Journalismus im Internet. Media Perspektiven 1/2012

  • Strohmeier, Gerd: Politik und Massenmedien: Eine Einführung. Nomos 2004

http://www.youtube.com/watch?v=qCJQj7Qe4XA

  • Markus Hündgen (der Videopunk) im Interview auf dem ConventionCamp:

http://www.youtube.com/watch?v=62nbrWN1-C8

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