Journalistisches Schreiben in Zeiten des web 2.0: Es muss sich was ändern

Die Medienrevolution steht vor der Tür – und einer der wichtigsten Akteure merkt es nicht oder scheint sich dieser Tatsache zu entziehen. Es wächst eine neue Welt heran, in der das Wissen nicht länger von oben Einzug in die Köpfe der Menschen erhält. Das „top-down“-System ist Geschichte. Im web 2.0 partizipiert das Publikum selbst. Jeder kann sich uneingeschränkt öffentlich artikulieren, die Zugangsbeschränkungen wurden aufgehoben. Die Theorie einer Öffentlichkeit, wie Habermas sie nur unter Intellektuellen in einem Diskurs sah, ist heute schlichtweg nicht mehr angemessen. Nutzer informieren sich selbst, schreiben ihre Gedanken in Blogs oder posten die neuesten Meldungen aus der ganzen Welt. Eine Aufgabe, die zuvor nur von einem durchgeführt wurde: dem Journalismus. Doch dieser müsste sich der neuen Zeit anpassen, wie der Werbetexter, Redenschreiber, Blogger und Journalist Klaus Jarchow in seinem Buch „Nach dem Journalismus“ betont.

Problem des Journalisten sind nicht die Blogger

Jarchow beschreibt die neue Welt als fragmentarischer als zuvor. Die Möglichkeiten im Netz scheinen unbegrenzt, jeder Nutzer hat seine eigenen Infoquellen, sodass auch jeder seine eigene Meinung hat. Es ist eine Zeit, in der der Journalist seine Privilegien verliert. Hatte er zuvor einen bevorzugten Zugang zu Informationen, hat heute jeder durch Suchmaschinen wie google diese Möglichkeit. Das stellt den Journalisten vor Probleme. Im Internet finden sich die Informationen schneller, meist fast einen Tag vor Erscheinen der Printprodukte. Da kommt die Zeitung am nächsten Tag fast schon zu spät. Dem Printbereich bleibt somit nur das ´Meinen´, sie haben die Lizenz zum Interpretieren statt zu Informieren. Somit seien Anforderungen, die ein Journalist heute noch hätte, schier falsch. Gesellschaftlich wichtige, neue und richtige Meldungen könnten nur mit Sachkenntnis, Recherche und Unabhängigkeit geschrieben werden; ein Irrtum, der jedoch in den Köpfen der meisten Journalisten noch präsent ist und als richtig angesehen wird. Jarchow widerspricht auch der Aussage, Blogger würden den Journalisten die Arbeit wegnehmen. Er sieht das Problem eher bei den Verlegern, die immer noch an alten Regeln festhalten und ihren Blick nie weiter als bis zur nächsten Ausgabe werfen. Dabei setzen sie auf einen Rudeljournalismus, mit dem die Welt auch nicht bereichert wird. Themen und Meldungen werden von anderen Medien übernommen, es wird auf das aufgesprungen, was gerade angesagt ist.

Dabei ist das Problem des Journalismus hausgemacht. Es wird das vernachlässigt, was doch der Lebenssinn einer Zeitung sein sollte: das Schreiben. Und genau darum muss es gehen, wenn der Journalismus sich nicht komplett vom web 2.0 abhängen lassen will. Stilempfehlungen wie „In der Überschrift und im Lead muss der Kern des Textes wiedergegeben werden“, die „w-Fragen“, „keine langen, nur einfache Sätze“ und die Vermeidung von Adjektiven sind altbacken. Sie sind nur aus Bequemlichkeit entstanden, damit Texte von hinten gekürzt werden können, ohne dass etwas verloren geht.

Alltagsstil entwickeln, Authentizität als Erfolgsfaktor

Doch wie schreibt man nun richtig? Jarchow hangelt sich durch verschiedene Wort- und Stilformen, charakterisiert diese und erklärt ihre Anwendung. Wichtig sind immer noch die Authentizität und ein guter Stil. Dabei steht das Schlichte, Einfache, Echte, Natürliche und Unmittelbare im Vordergrund, wenn von einem authentischen Text die Rede ist. Der Autor muss zudem einen akzeptablen Alltagsstil entwickeln. Stil ist das, was nicht auffällt, was der Leser beim Lesen ignoriert. Entscheidend sind Genauigkeiten, Kürze und Dinge beim Namen nennen. Einer wichtigen Rolle in jedem Text fallen Begriffen wie aktuell Energiekrise, Staatsschulden oder auch Winterchaos zu. Sie alle sind Substantive, in jüngeren Jahren auch Hauptwörter genannt, weil sie Hauptsachen enthalten. Sie stehen im Zentrum jedes Textes, genau über diese Wörter wird diskutiert. Die deutsche Sprache lässt zu, dass sich fast jedes Wort zu einem Substantiv umwandeln lässt. Dieses macht einen Text jedoch nicht besser, er verschlechtert hingegen die Verständlichkeit. Somit stellt Jarchow die „Regel des Wortklassenerhalts“ auf, in der das Verb ein Verb und das Adjektiv ein Adjektiv bleibt.

Genau diese Verben erzeugen das Leben in den Texten. Es gibt dort jedoch ein Problem. Oftmals steht das Verb am Ende, was auch im Tagesjournalismus durch Überschriften wie „Der Ministerrat hat dem Gesetzentwurf zugestimmt“ immer noch die Regel ist. Die Lösung ist das Imperfekt, welches diese Probleme umgeht und einem lebendigen Text angemessen ist. Bei „Der Ministerrat stimmt dem Gesetzentwurf zu“ muss nicht bis zum Ende des Satzes gewartet werden, um zu wissen, was genau passiert ist.

Lernen, die Wörter sinnvoll zu nutzen

Das Vermögen eines Autors liegt in der Verwendung des Adjektivs. „Alte Traumpaare“ wie blauer Himmel, schlauer Fuchs, einfache Hausfrau oder große Liebe sind in Jarchows Augen „rhetorische Witzfiguren“, welche die Sprache so vorhersehbar machen wie ein Roman von Rosemunde Pilcher. Ebenso ist auf die Verwendung von Adverbien zu achten. Diese sind häufig entbehrlich, da die Gefahr einer Doppelung der Bedeutung sehr groß ist. Im Satz „Er knallte die Tür fest ins Schloss“ kann das Adverb „fest“ weggelassen werden, denn das Wort „knallen“ beinhaltet schon, dass dieses fest passiert sein muss. Vorsichtig eine Tür zu knallen ist unmöglich. Für Jarchow wirkt ein Übermaß an Adverbien abschreckend für den Leser. Präpositionen und Füllwörter sind ebenfalls wichtige Elemente eines Satzes und letztendlich auch eines Textes. Während erstere vor allem zur Verständlichkeit und Klarheit der Sätze beitragen und die Aufmerksamkeit des Lesers orientiert werden kann, kann mit Hilfe von Zweiteren Atmosphäre in den Text eingearbeitet werden. Da diese Wörter wie „ja“ oder „schon“ nicht Bestandteil der rationale Informationsvermittlung sind, werden sie trotz ihrer Wirkungen im Journalismus häufig vernachlässigt.

Jeder Satz muss solang sein wie sein Gedanke

Auch für Sätze allgemein hat Jarchow klare Vorstellungen. Die These, die immer noch gelehrt wird, dass Sätze vor allem kurz sein müssen, weist er zurück, da diese kurzen Sätze oftmals nur langweilig wirken. Er stellt die Regel auf: Jeder Satz enthält genau ein Gedanke. So benötigen knappe Einfälle kurze Sätze, ein komplexer Gedanke braucht einen längeren Satz. Für ihn sind auch nicht die Anzahl der Worte, sondern die Ordnung im Satz für die Verständlichkeit entscheidend. Dabei darf ein Gedanke nicht zerhackt auf mehrere Sätze aufgeteilt und mehrere Gedanken auch nicht in einen einzigen Satz gequetscht werden. Nebensätze sollten dann eingesetzt werden, wenn sie ein logisches Verhältnis verdeutlichen. Dabei steht auch die Umgangssprache im Vordergrund, Konsekutiv-, Konzessiv- oder Temporalsätze ordnet er eher den Akademikern und nicht den Journalisten zu.

Jeder gute Text besitzt darüber hinaus eine Dramaturgie. Ohne die lässt sich der Leser nicht fesseln. Gute Texter trennen Wesentliches von Unwichtigen und lassen Sachen weg, wo dann Freiräume für Leser entstehen, die dieser seiner eigenen Phantasie überlassen kann. Das Publikum liest nicht nur, es erfindet mit. Im Zentrum eines jedes Textes steht ein Protagonist, welcher ein Mensch, ein Thema oder auch ein Ereignis sein kann. Konflikte des Protagonisten sollten im Fokus stehen.

Mit der Sprache sollte sich auch das Handwerk ändern

Ohne verschiedene Stilfiguren kommt ein guter Text nicht aus, obwohl diese nirgends gelehrt werden. Die Steigerung (Bsp: “Gut, Besser, Paulaner”) mit dem Klimax und dem Antiklimax erzeugen Leben, Dynamik und Spannung. Sie können den Text auf einen Gipfelpunkt führen, um es dann so richtig krachen zu lassen. Neologismen zeigen, dass die Sprache lebt. Da sich die Sprache ändert, muss sich auch das Werkzeug ändern. Monotone Wörter überfordern den Leser zwar nicht, sie unterfordern jedoch eher und ermüden den Leser. Jarchow sieht in jedem neuem, verständlichem Wort einen Adrenalinstoß für den Leser.

Wie diese Stilfiguren sollten auch Elemente wie beispielsweise gut eingesetzte Alliterationen, Personifikationen und auch die von den „alten“ Journalisten verschriehene Ironie eingesetzt werden. Denn das Internet hat das Publizistische grundlegend verändert. Es wird nicht mehr nur für einen Tag geschrieben und dann wieder vergessen. Somit ist mit den Texten mehr Sorgfalt vonnöten, was für Jarchow jedoch im Wiederspruch zu den Ausdünnungen der Redaktionen und der steigenden Arbeitsbelastung einzelner steht. Der Journalismus sollte sich dieser Wandlung annehmen und sich den neuen Bedingungen mit einer veränderten Schreibweise anpassen.

Quellen:

Klaus Jarchow: „Nach dem Journalismus – Schreiben in Zeiten des Web 2.0“, © 2012

http://www.text-atelier.de

http://www.stilstand.de/

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