Netzfeminismus – Frauen im digitalen Aufbruch?

„Das Netz ist weiblich – und wird dabei zunehmend politisch“, so das Eingangsstatement von Teresa Maria Bücker. Ihr Artikel „Viele neue Wellen: der Netzfeminismus“ im Rahmen ihres F.A.Z.-Blogs Deus ex Machina vom 17. November 2011 spricht von der „Online-Bewegung ‚Netzfeminismus‘“. Aber was genau ist das: Netzfeminismus? Woher kommt die Bewegung und worum geht es? Und wer sind die Netzfeministinnen?

Schnell stellt man fest: die Suche nach einer konkreten Begriffsbestimmung gestaltet sich als schwierig. Offenbar ist die Bewegung noch zu jung, als dass sich eine einstimmige, klare Definition finden ließe. Schließlich sind die Web-Artikel und Blogeinträge, die sich unter Stichworten wie Netzfeminismus oder Feministische Netzkultur versammeln, meist nicht älter als zwei oder drei Jahre. Man stößt jedoch immer auf ein wiederkehrendes Motiv: die Sichtbarmachung von Frauen und Frauenthemen im und durch das Internet.

Die drei Wellen des Feminismus

Die Gleichstellung der Geschlechter, die Verbesserung der Rechte von Frauen –kurzum: Frauen und ihre Themen sichtbar(er) machen– dies waren schon von Beginn an Leitmotive feministischer Bewegungen. So kämpften Frauen der ersten Welle des Feminismus (ca. Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts) für grundsätzliche politische und bürgerliche Rechte der Frau, wie Wahlrecht, Recht auf Erwerbstätigkeit und Recht auf Bildung. In den 1960er-Jahren entwickelte sich, ausgehend von einem generellen gesellschaftlichen Umbruch, die zweite Welle  der Frauenbewegung, insbesondere mit Themen wie Schwangerschaftsabbruch und Sexualität im Allgemeinen. Dieser zweiten Phase trat jedoch in den 1980er-Jahren eine massive antifeministische Reaktion entgegen, der sogenannte Backlash. Susan Faludi definiert den Backlash in ihrem gleichnamigen Buch als einen machtvollen Gegenangriff auf feministische Bewegungen, mit dem Ziel, die bisherigen Erfolge des Feminismus zunichte zu machen. Als Reaktion auf diesen Antifeminismus entstand in den 1990er-Jahren in den USA die dritte Welle des Feminismus – basierend auf der Überzeugung, dass noch längst nicht alle Ziele erreicht worden sind. Die dritte Welle, häufig auch Third Wave Feminism genannt, versteht sich als Fortführung der Bewegung der zweiten Welle – aber im jüngeren, moderneren ‚Gewand‘. Während der Feminismus der 1960er-Jahre vielen jungen Frauen mittlerweile recht verstaubt und überholt vorkommt, verortet sich der Third Wave-Feminismus vor allem in aktuellen und populärkulturellen Themen und Bereichen. Die Frage nach Geschlechterrollen und -stereotypen wird häufig auf die Alltagskultur projiziert.

Im Grunde also ‚Feminismus 2.0‘?

Es überrascht nur wenig, dass auch das Internet – als fester und nicht mehr wegzudenkender Teil unseres Alltags – (Kern-)Thema des heutigen (Dritte-Welle-) Feminismus ist. Das Internet als Medium wird, spätestens seit dem Web 2.0-Zeitalter, von verschiedensten AkteurInnen gestaltet. Machtverhältnisse und Geschlechterstereotype, die bereits in der Offline-Welt vorherrschen, werden folglich auf das Internet übertragen und dort reproduziert. Das Netz ist nicht neutral, sondern spiegelt Zustände der Gesellschaft wieder. Und hier knüpft der Netzfeminismus an. Mit dem Internet und der Web 2.0-Technologie eröffnen sich neue Möglichkeiten der Partizipation und der Vernetzung, von denen Feministinnen der früheren Generationen wohl nur träumen konnten. Die amerikanische Autorin Emily Nussbaum bezeichnet den Netzfeminismus in ihrem Online-Artikel im New Yorker von Oktober 2011 als einen im Netz „wiedergeborenen“, modernen und selbstbewussten Feminismus. Die „Lady Blogosphere“ –das Aufkommen zahlreicher populärer, von jungen amerikanischen Frauen verfasster Blogs– habe den feministischen Diskurs transformiert und im Zuge dessen einen offenbar ‚verstaubten‘ Stil des feministischen Aktivismus wiederbelebt. Dass diese Blogs von ‚typisch weiblichen‘ Themen, wie Popkultur, Mode und Promigeschichten, handeln, die bestehende Geschlechterstereotype also vermeintlich verstärken, sieht Nussbaum keineswegs kritisch, sondern vielmehr als geschicktes Mittel, um junge Frauen auf feministische Themen aufmerksam zu machen:

“Instead of viewing pop culture as toxic propaganda, bloggers embraced it as a shared language, a complex code to be solved together, and not coincidentally, something fun. In an age of search engines, it was a powerful magnet: Again and again, bloggers described pop-culture posts to me as a “gateway drug” for young women – an isolated teenager in rural Mississippi would Google “Beyoncé” or “Real Housewives,” then get drawn into threads about abortion.”

Der feministische Diskurs wird also zunehmend natürlicher Bestandteil des Cyberspace, an den verschiedensten Online-Orten werden feministische Themen behandelt und diskutiert. Für Teresa Bücker liegt genau hier die wesentliche Chance: „Ein reger Netzdiskurs kann für die feministische Arbeit, die viele verschiedene Gruppen seit Jahrzehnten auch offline leisten, eine starke Ergänzung sein. Denn [feministischer] Onlineaktivismus ist mehr als Webseiten, Tweets und Klicks: er verändert Bewusstsein, schafft Aufmerksamkeit und übt Druck auf Entscheidungsträger aus“1.

Frauen an die Tasten!

Damit Frauen aber im und mit dem Internet aktiv werden können, müssen sie ‚drin‘ sein. Auch wenn am Anfang Computer und Internet noch reine Männerdomänen waren, so haben die Frauen doch längst aufgeholt. Laut der ARD/ZDF-Onlinestudie 2011 sind 68 Prozent der Frauen und 78 Prozent der Männer in Deutschland regelmäßig im Netz. Bei den Jungen und Mädchen zwischen 14 und 20 Jahren sind es mittlerweile auf beiden Seiten gleichermaßen 100 Prozent, die im Internet surfen, chatten und bloggen. Was Weblogs betrifft, so sind es interessanterweise sogar mehr Frauen als Männer, die ein Blog betreiben. Laut Kulturwissenschaftler Klaus Schönberger von der Uni Hamburg werden zwei Drittel aller Weblogs im europäischen Raum von Frauen geschrieben 2. Ähnlich wie beim Tagebuch, berichten die Frauen häufig über ihre persönlichen Erlebnisse, oder schreiben über Kunst, Mode und Trends. Genau hierin scheint der Grund dafür zu liegen, dass trotz der statistischen Mehrheit weiblicher Blogs, dennoch die Männer-Blogs in den Blogcharts stärker vertreten sind: denn Männer behandeln häufiger Themen wie Wirtschaft, Politik und Technik –also vermeintlich ‚wichtigere‘ Themen– die ein breiteres Publikum ansprechen, während sich weibliche Blogs (Kochblogs, Strickblogs,…) eher an eine kleinere Gruppe an RezipientInnen richtet. Folglich sind es dann auch die männlichen Blogger, die als ‚Netz-Experten‘ nachgefragt und auf Konferenzen eingeladen werden.

Vernetzung ist alles

In Deutschland war die Debatte um Feminismus und Internet auch und vor allem im Rahmen der re:publica 2009, Deutschlands größter Web 2.0-Konferenz, ins Rollen gekommen. Nachdem auf der Konferenz (erneut) der geringe Anteil von Expertinnen auf den Podien kritisiert und diskutiert wurde, beschloss ‚frau‘ schließlich, sich stärker zu vernetzen – offline wie online. So gründete sich die „Girl on Web Society“ auf Facebook, ein Netzwerk deutschsprachiger Bloggerinnen. Das Ziel: der Unterrepräsentation von Frauen, sowohl im Netz als auch in der Offlinewelt, beispielsweise auf Konferenzen und Fachtagungen, entgegenzuwirken. Und das eben gemeinsam – stark vernetzt durch das Internet. Auch die Seite netzfeminismus.org soll der Vernetzung dienen: sie versteht sich selbst als „Plattform, die den Austausch von FeministInnen unterstützt, die sich vor allem aus dem Netz kennen“3. Neben der Organisation von regelmäßigen Treffen, in der Offline-Welt, bietet netzfeminismus.org eine Liste von SpeakerINNEN, die bei Kongressen und Tagungen angefragt werden können und sollen – getreu dem Motto: „Keine Ausreden mehr für frauenlose Panels“. Auch die Digital Media Women, ein in Hamburg gestartetes Netzwerk ‚digital kompetenter‘ Frauen,  haben es sich zum Ziel gesetzt, gemeinsam “die Frauen in der Digitalbranche sichtbarer zu machen”4.

Feministische Netzkultur in Deutschland

Neben solchen Netzwerken, mit denen sich internetaffine Frauen in Deutschland zusammengeschlossen haben, sind in den letzten Jahren auch immer mehr namhafte feministische Blogs und Portale entstanden. Das populäre Feminismus-Blog Mädchenmannschaft  beispielsweise reflektiert über geschlechterrelevante Themen aus Politik und Gesellschaft und wurde 2007 von Barbara Streidl, Susanne Klingner und Meredith Haaf als Gemeinschaftsprojekt gegründet. 2008 wurde die Mädchenmannschaft mit dem Deutsche Welle Blog Award als bestes deutschsprachiges Weblog ausgezeichnet. Aktuell macht die Mädchenmannschaft jedoch vor allem mit Schlagzeilen über Streit unter den Autorinnen und dem Austritt (mittlerweile) aller Gründungsmitglieder auf sich aufmerksam. Nichtsdestotrotz gilt das Blog als das wichtigste feministische Nachrichtenportal im deutschsprachigen Netz. Die Gründerinnen Barbara Streidl und Susanne Klingner haben inzwischen –gemeinsam mit Katrin Rönicke, ebenfalls ehemalige Autorin bei der Mädchenmannschaft– die feministische Webinitiative Frau Lila gegründet: ein Projekt, das Frauen ermutigen möchte, „sich zu Wort zu melden, politisch zu handeln, sich zu vernetzen, für ihre Rechte und Stimmen zu kämpfen“5. Auch die eingangs erwähnte Bloggerin und freie Autorin Teresa M. Bücker trägt maßgeblich zu einer feministischen Netzkultur bei: sie ist nicht nur bei Twitter, als Fräulein Tessa, (netzfeministisch) aktiv und beriet die SPD bis Juni 2012 als Referentin für Social Media, sondern beschäftigt sich außerdem auf ihrem Blog flannel apparel mit „Politischem, Feminismus, Mode und den Liebeslebenswandel in digitaler Umnachtung“6.

„Das Netz ist weiblich“ – diese Aussage erscheint wohl etwas waghalsig. Denn ebenso wenig wie die Gesellschaft in Sachen Gleichberechtigung und Stereotypen-Denken ‚fehlerfrei‘ funktioniert, so ist auch das Internet kein Paralleluniversum, in dem Machtverhältnisse außer Kraft gesetzt sind. Mit dem Internet –mit seinen zahlreichen Möglichkeiten der Vernetzung und Partizipation– eröffnen sich aber zahlreiche neue Möglichkeit für Frauen, im und mit dem Netz (feministisch) aktiv zu werden.

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