Vom Journalisten zum medialen Alleskönner

 

Schon seit mehreren Jahren durchläuft das Berufsfeld des Journalisten einen massiven Wandel. Durch immer wieder auftauchende oder besser gesagt nicht endende Diskussionen, wird deutlich, dass dieser Wandel von großer Bedeutung ist. Sowohl für die Journalisten oder diejenigen die diesen Beruf anstreben, aber auch für die Konsumenten des Endproduktes. Doch aus was genau besteht dieses Endprodukt überhaupt? Durch die Entwicklung der Technik in den letzten Jahren hat sich auch die Arbeit des klassischen Journalisten geändert. Das so bezeichnete Endprodukt ist demnach nicht mehr nur noch morgens beim Frühstück in der klassischen Zeitung vorzufinden. Es begleitet uns multimedial durch den Tag, beispielsweise  auf dem Weg zur Arbeit auf unserem Smartphone in Form einer Nachrichtenapp oder auf dem Tablet PC als Online Version einer Zeitung.

Durch die Verschmelzung verschiedener Medien miteinander, der Medienkonvergenz, wurde der Anspruch auf crossmediales Arbeiten im Journalismus erhoben. In der Crossmedialität Verschmelzen die medialen Bereiche nicht komplett miteinander. Es bleiben Grenzen zwischen den Einzelmedien auf der inhaltlichen, technischen und wirtschaftlichen Ebene bestehen. In Bezug auf crossmediales Arbeiten sind unter den Journalisten also eher die multimedialen Alleskönner, als die monomedialen Spezialisten, gefragt.

Sonja Kretzschmar, ehemalige Redakteurin u.a. bei den Tagesthemen und heute als Professorin tätig, beschäftigt sich seit einiger Zeit mit der Ver­änderung des Journalismus durch cross­mediale Medien­produk­tion. Bereits 2009 beobachtete sie den Wandel des Journalismus mit einem kritischen Auge und stellte sich in ihrer Publikation Crossmedialer Journalismus die Frage, ob es wirklich das Ziel sei sogenannte eierlegende Wollmilchsäue auszubilden. Sie sah es für die journalistische Ausbildung in Zukunft notwendig, dass die Kernelemente, wie Fach- und Sachwissen, sowie die handwerklichen Fachkompetenzen, erhalten bleiben sollten und lediglich in einigen Bereichen durch crossmediale Kompetenzen, beispielsweise Teamfähigkeit, erweitert werden müsse. Die Herausforderung liege ganz klar dabei, den Mittelweg zwischen journalistischer Unabhängigkeit und der gleichzeitigen Veränderung des Medienmarktes, damit natürlich verbunden die Abreitsstruktur, wie auch –organisation, zu finden. Außerdem müsse ein gewisses Gespür bei Journalisten gefördert werden. Nämlich das, genau zu wissen, wie man den Inhalt dem Medium entsprechend aufbereitet. Denn crossmediales Arbeiten bedeutet journalistischen Mehrwert zu produzieren und nicht eine Umwälzung des Inhalts. Resultierend daraus würden also keine einheitlichen Standards in der journalistischen Ausbildung mehr gelten. Außerdem gibt es durch den News- und Workflow im Internet keinen Redaktionsschluss mehr, da Nachrichten 24/7 aufbereitet und verbreitet werden müssen. Das bedeutet für Journalisten einen höheren Leistungsdruck, da die Menschen auf dem Globus immer up to date sein und mit den neusten Nachrichten versorgt werden wollen. Ohne den Redaktionsschluss geht der Feierabend verloren und ohne ihn sollen Journalisten quasi wie Maschinen funktionieren und ihre Arbeit mit nach Hause nehmen.

Um auf den bereits erwähnten Alleskönner sprechen zu kommen, so sah Sonja Kretzschmar im Jahr 2009 in dieser Journalistenform kein Massenphänomen. Auch der Spezialist würde nicht so sehr gefördert sein, wie der bimediale Vielkönner (Artikel: Journalisten müssen nicht alles können aber mehr). Diese Ansichten sind etwa drei Jahre alt, in denen sich ebenfalls der journalistische Wandel weiter vollzogen hat.

Auch Richard Gingras, Chef von Google’s news products, setzt sich mit dem Wandel des Journalismus auseinander und veröffentlichte in diesem Jahr einen Artikel, in dem er sich acht Fragen stellte, um die Zukunft des Journalismus‘ zu definieren. Dieser zukünftige Journalismus ist ihm zufolge besser als der jetzige. Vor allem die Art und Weise, wie die Nachrichten derzeit aufgebaut sind und wie Information hergestellt wird müsse überdacht werden. In diesem Punkt scheinen sich Kretzschmar und Gingras einig, denn es gibt neue Wege Informationen zu konsumieren und zu teilen. Neue Technologien verändern demnach, was Journalisten tun und wie sie es tun. Aber auch in dem Punkt, dass die neue Technik an sich nicht die Lösung ist, herrscht Einigkeit. Es liegt jedoch an uns sie richtig einzusetzen. In diesen Punkten lassen sich keine großen Unterschiede zwischen den Annahmen von Kretzschmar aus dem Jahr 2009 und deren von Gingras aus diesem Jahr ausmachen. Gingras untermauert seine Aussage mit acht Antworten auf anregende Fragen, die im zukünftigen Journalismus unabdingbar sein werden. Er weist nicht darauf hin, dass eine komplette Änderung notwendig ist, aber die Reflexion ein wertvoller Prozess für den Journalismus sein kann. Im Folgenden werden die Fragen, die zum Nachdenken anregend und für den Zukunftsjournalismus wegweisend sein sollen, aufgeführt.

(Den kompletten Artikel mit allen acht Fragen findet ihr hier: Link zum Artikel)

1. Addressing content architecture. Bis jetzt hat sich der Aufbau von Nachrichten kaum verändert. Ein Artikel erscheint an einem Tag und kann am nächsten schon im Archiv landen. Gingras regt an darüber nachzudenken, ob es nicht besser wäre die Arbeit von Journalisten mithilfe einer festen URL zu dokumentieren, anstatt den Artikel vergessen im Archiv verstauben zu lassen. Diese Innovation könnte auch für die Leser ansprechender sein.

2. Evolving the narrative form– “Every new medium begins as a container for the old.” (McLuhan). So wurden, zu den Anfangszeiten des Radios, Artikel aus der Zeitung vorgelesen. Diese Art Nachrichten über das Radio zu vermitteln wurde sehr schnell durch einen kürzeren und knackigeren Stil ersetzt. Die Informationsverarbeitung wurde also an das Medium angepasst. Heute leben wir in einer digitalen Welt, die von Posts und sogenannten bullet points (http://dictionary.reference.com/browse/bullet+point) beherrscht wird. Die Frage die sich uns jetzt schon stellt ist, ob es überhaupt Ansätze gibt den sogenannten in-depth Journalismus mit über 5.000 – 10.000 Wörtern pro Artikel auf andere Weise zu vermitteln.

3. Creating the Reporter’s Notebook 2.0. Es gibt kein Limit an Datenmengen mehr, was das Publizieren betrifft. Dank dem Web 2.0 ist es jedem Journalisten möglich rund um die Uhr Informationen zu publizieren. Der Journalist kann sich folgendermaßen vollwertig ausdrücken. Besteht ein signifikanter Wert darin, neue Tools zu entwickeln, die die täglichen Mühen des Journalisten unterstützen?

4. Rethinking organizational workflow. Angesichts der aktuellen und zukünftigen Fortschritte, wie Nachrichten gesammelt, organisiert und präsentiert werden, sollte man darüber nachdenken, dass das auch ein Umdenken in den redaktionellen Aufgaben und dem organisatorischen Workflow andeutet.

5. Exploring computational journalism. Eine wichtige technologische Auswirkung ist die Möglichkeit, Informatik zu nutzen, um die Berichterstattung zu unterstützen, um große Datenmengen zu analysieren und, um öffentliche Datenquellen zu überwachen. Kann investigativer Journalismus den Computer-Journalismus offensiv beeinflussen, um nicht nur mit Artikeln auszuhelfen, sondern so, dass investigative Meldungen dauerhafte und automatisierte Meldungen werden?

6. Leveraging search and social. Die Suche ist nach wie vor eine wichtige Quelle, um neue Informationen zu entdecken. Vor allem social media Plattformen sind bedeutend, wenn es um das Lenken von Nachrichten geht. Gibt es einen noch besseren Weg nicht nur den Leser zu lenken, sondern diesen auch zu informieren? Posts von social media können beispielsweise, jeder an sich, einen Teil zu einem Beitrag hinzufügen. Können wir dieses Konzept auf neue Formen des Journalismus‘ übertragen?

7. Rethinking site design. Durch Links oder die gezielte Suche werden 75% der Seitenbesucher direkt auf die Artikelseite weitergeleitet. Lediglich 25% langen auf der Homepage. Diese Zahlen regen dazu an, darüber nachzudenken, in wie weit diese Änderung des „audience-flows“ das Design der Website beeinflussen. Sollten wir soweit gehen und das bisherige Design über Bord werfen und mehr Wert auf die Artikelseiten, bzw. auf das, was wir als Artikel bezeichnen, als auf die Homepage als solche legen?

8. Shifting to a culture of constant product innovation. Das Tempo der technologischen Veränderung wird nicht abflachen. Im Gegenteil, es wird noch höher. Es ist nicht möglich von einem Übergang von dem technischen Stand X auf den technischen Stand Y zu sprechen. Doch wie kann man Nachrichten-Organisationen so ausstatten, dass konstante Innovation sozusagen in die Organisationsstruktur eingeflochten wird und auch in die Rolle eines jeden Teilnehmers?

Durch diese Denkanstöße wird deutlich, dass mit den technologischen Veränderungen größere Möglichkeiten auf uns zu kommen und mit diesen Möglichkeiten auch die Verantwortung unsererseits wächst. Es wird also wieder die alte Debatte angeregt. Was machen die Medien mit uns? Gingras verweist aber auf die angebrachtere Frage, nämlich was machen wir mit den Medien? Wie setzen wir das technische Know-how um, um Informationen aufzubereiten und zu verbreiten? Welche Möglichkeiten halten zukünftige Innovationen in der Technik für uns bereit?

Sicherlich weisen diese acht aufgestellten Fragen, die man aber auch als Thesen betrachten kann, darauf hin, dass einige Aspekte im Journalismus überdacht werden müssen. Jedoch ist der aktuelle Journalismus deshalb nicht schlecht. Ob und inwiefern Gingras‘ Aussagen umgesetzt werden, werden wir wohl erst mit der Zeit und so mit dem journalistischen Wandel erfahren.

Eines ist jedoch klar: ein Wandel ist der Vorgang, wenn ein Zustand in einen anderen übergeht. Spricht man von dem Wandel des Journalismus‘ kann mit gutem Gewissen von einem ständigen Wandel gesprochen werden. Denn zu keinem Zeitpunkt kann eine klare Definition zu dem Stand des Journalismus gegeben werden. Und so werden auch die Journalisten und ihre Fähigkeiten immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt und dem Wandel unterzogen.

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