Zukunft Onlinejournalismus – Gefahr einer Boulevardisierung von Inhalten?

Für diesen Artikel wurde ein Interview mit Katharina Borchert, CEO des Spiegel Online, durchgeführt.

“Online ist eben schneller, der Druck und die Taktung sind höher, aber es ist die Zukunft und ich verstehe nicht, wie man das ignorieren kann.” Katharina Borchert

Das Internet als News-Plattform vieler Tageszeitungen und Magazine scheint zunehmend die klassische und älteste Form des Journalismus, den Print-Journalismus als präferiertes News-Format abzulösen. Für Katharina Borchert ist das Web 2.0.  das „brutalste Konkurrenzmedium“ der Tageszeitung – und das zu Recht. Das Klicken durchs Netz ist schneller, komfortabler und günstiger als der Kauf und die Handhabung einer Tageszeitung.  „Ich kenne in meiner Altersgruppe […] –auch wenn das manche Kollegen nicht gerne hören- fast gar keinen mehr, der Tageszeitung liest, zumindest nicht überregional.“

Ethik des Journalisten-Berufes bleibt gleich

Ob es einer gesonderten Ausbildung für den Beruf als Online-Journalist bedarf, ist diskutabel. Das grundlegende Handwerk, sowie die ethischen Grundsätze des Berufes, seien bei Print-, sowie Online Journalismus gleich, so Katharina Borchert. Die Online-Skills, die den Digital Natives vermeintlich in die Wiege gelegt wurden und den meisten von ihnen in Fleisch und Blut übergegangen sind, befähigen aber noch lange nicht zu einer Tätigkeit als Online-Journalist. Der Umgang mit Leserkommentaren, die Einbindung von Social Media, die Suchmaschinenoptimierung und essentielle technische Grundkenntnisse als Voraussetzungen für eine Tätigkeit als Online-Redakteur, müssen oft noch dazu gelernt werden. In dieser Hinsicht sei vieles „nicht selbstverständlich“ und sollte Teil einer spezifischen Ausbildung sein, so Borchert.

„Ich habe nicht Print-Journalismus gelernt, sondern Journalismus. Was soll das überhaupt sein, „Print-Journalismus”? Und was würde eine Ausbildung zum „Onlinejournalisten” , falls es das gibt, minderwertig machen? Dass die Texte nicht auf Papier gedruckt werden?” Stefan Niggemeier

Präferenz der Leserschaft durchlebt Wandel

Bei der der heutzutage vermehrt aus Digital Natives bestehenden Leserschaft ist tatsächlich ein geändertes Mediennutzungsverhalten zu beobachten. Das Informationsbedürfnis scheint schneller befriedigt werden zu wollen und der Fokus liegt verstärkt auf ereignisgetriebenen Informationen, als auf purem Faktenwissen. Laut Borchert wird diese „Gier“ der Leser von journalistischer Seite befeuert, da die Journalisten schlicht und ergreifend wüssten, „dass es funktioniert“. Bei den Lesern will zudem der unmittelbare Bezug zum eigenen Leben hergestellt werden. Das Internet bedient genau diese geänderten Bedürfnisse der Leserschaft. Es sei der Tageszeitung in Punkto Aktualität, Schnelligkeit und Überblick einfach überlegen, so Katharina Borchert.

Doch wissen die Verläge wirklich genug über das Nutzungsverhalten der Leser, oder ist die aktuell betriebene Marktforschung noch ausbaufähig? Laut Katharina Borchert sei es  „ein Erbe der Arbeit mit einem nicht en detail messbaren (Print-)Medium”, dass man meine zu wissen, was der Leser wolle, ohne es für nötig zu halten, dies zu erforschen. Man habe heute theoretisch einen unglaublichen Datenschatz zur Verfügung, der ganz genau sagt, was die Leute suchen, wie sie sich auf dem SPON bewegen, was sie lockt und was sie übersehen. Aber dies werde in der Praxis noch viel zu wenig genutzt, so Borchert.  Zur „neuen Königsdisziplin“ und Repräsentation einer neuen Art von Echtzeitberichterstattung habe sich der Live-Ticker entwickelt: „Ein Live-Ticker kann ein sehr wertvolles, hochspannendes Instrument in der Berichterstattung sein. Das wird derzeit aber arg überstrapaziert. Das beste Beispiel ist eine deutsche Tageszeitung, die  den Tod einer Giraffe live im Zoo getickert hat“.

Unmittelbar, verlinkbar & social

„Das ist toll, sich gedruckt zu lesen und Sonntagsmorgens diese große Zeitung [Ergänzung: F.A.S.] aufzumachen. […] Ich kann das nachvollziehen, es ist immer noch etwas anderes, aber es ist nicht die Zukunft. Es ist ein schrumpfendes Medium. Es ist kein totes Medium, aber es ist ein schrumpfendes Medium.“ Katharina Borchert

Ein Problem des Print-basierten Journalismus zeichnet sich bereits auf der Ebene der Vertriebsform ab.  Ökologisch und finanziell betrachtet ist die Produktionsweise mehr als bedenklich, denn der Transport und das Bedrucken sind teuer und umweltschädlich.   Eine Tätigkeit im Print-Sektor bietet zudem nicht mehr die Freiheit, die vor einigen Jahren noch kennzeichnend für ihn waren.

„Manchmal wünsche ich mir, ich wäre dreißig Jahre früher geboren und hätte noch die tollen Zeiten […] miterlebt, wo man für drei Monate mit Fotografen im Amazonas verschwinden konnte, um eine spannende Recherche zu machen. Wenn man mit was Tollem zurückkam, haben sich alle gefreut und wenn nicht, war es auch nicht so schlimm. Aber die Bedingungen gibt es auch beim Print nicht mehr, die Zeiten sind leider vorbei. Das Geld ist nicht mehr da.“ Katharina Borchert

Der Online-Journalismus als Untergruppe des Journalismus bietet dem Journalisten durch die Konvergenz der einzelnen Sektoren wie Audio-, Video und textbezogener Arbeit gegenüber dem Print-Journalismus eine deutlich höhere kreative Vielfalt. „Es ist das spannendere Medium. Ich habe viel mehr Möglichkeiten, mehr Ausdrucksformen […], habe keine starre Zeilenbegrenzung. Es ist unmittelbar, verlinkbar, social, es wird geteilt,  kommentiert und diskutiert. Ich würde es nicht missen wollen“, so Borchert. Bedingt durch die verstärkte Multimedialität und die Implementierung von Audio- und Videodateien steigt der Unterhaltungswert für die Leser deutlich.  Ebenfalls vorteilhaft für Verfasser sowie Leser ist, dass sich die Online-Inhalte theoretisch über einen unbegrenzten Zeitraum abrufen lassen.  Was man online verfasst hat, könne man auch in fünf Jahren noch aufrufen und Print hingegen „wird zu Altpapier“. Eine Weiterentwicklung für den Leser gegenüber dem Print-Journalismus ist zudem die zielgerichtete Informationsbeschaffung bei der Suche im Online-Content. Bei  Interesse für ein bestimmtes Thema gibt es oft die Möglichkeit, durch verlinkte Inhalte zielgerichtet detailliertere Informationen zu erhalten.

Chance für den Magazinmarkt

Die deutschen Verläge scheinen aufgewacht zu sein. Die Diskussion sei endlich bei dem Thema Internet angekommen, äußert Borchert. „Dabei ist das längst eine News von vorgestern und wir müssen uns mit mobilem Nutzungsverhalten auseinandersetzen. Die Mobilnutzung steigt so dramatisch an. Wir machen ein Viertel unserer Reichweite unter der Woche mobil und am Wochenende 30 Prozent“, so Borchert. Die Leute lesen nicht mehr lange Zeit am Stück einen Artikel, sondern gucken unterwegs schnell mal eben in ihren News-Feed. „Wir müssen uns Gedanken über andere Präsentationsformen machen“, diesbezüglich ist sich Katharina Borchert sicher. Zwar, so glaubt sie, werde es in zwanzig Jahren noch Zeitungen geben, jedoch werden diese das Vierfache von dem kosten, was sie heute kosten.

Sie weist aber ganz deutlich auf eine unterschiedliche Entwicklung des Magazinmarktes hin. Bei allem, „was in Richtung coffee-table books und Magazine geht und eine starke haptische Qualität hat, die das Internet so noch nicht abbilden kann […],was visuell unglaublich opulent ist wie zum Beispiel die VOGUE“  könne das Leseerlebnis durch ein digitales Medium nicht gleichwertig zu einer gedruckten Version abgebildet werden. Bei Nachrichtenmagazinen wie dem Spiegel, ginge die Digitalisierung schneller, da es „mehr um die Information als um riesig groß aufbereitete Bildstrecken geht“.  Der Spiegel als „sehr textintensives Infomedium” sei leichter als Digitalversion darzustellen und durch mehr Bilder und Videos zu bereichern. Ob man in Zukunft andere Erzählformen braucht und dieselben Nachrichten funktionieren wie heute, ist ungewiss.

Boulevardisierung bei SPON bemerkbar?

Ob eine Unterscheidung in Qualitäts– und Boulevardjournalismus noch zeitgemäß ist, sei dahin gestellt. Katharina Borchert glaubt nicht, dass die Kategorisierung gänzlich aufgehoben werden und eine Verschmelzung beider Bereiche stattfinden könne.  Auch der Spiegel Online meldet in Form der Rubrik ,Panorama‘ Neuigkeiten aus Film und Fernsehen. Laut Borchert sei diese Sparte aber in keinster Weise boulevardesk. Die Rubrik sei „sehr viel mehr als nur das traditionell Vermischte”. Die Redakteure lieferten zum Beispiel sehr regelmäßig informative Gesellschaftsreportagen. Wichtig sei in dieser Beziehung, so betont Borchert, „dies mit einem Qualitätsanspruch [zu] machen“. Es gebe außerdem noch viele Themen, die der SPON unberührt lasse, gerade um dem hohen Qualitätsanspruch des Spiegels als journalistisches Leitmedium Deutschlands gerecht zu werden. Die Aufarbeitung von Nachrichten müsse nicht immer trocken sein, sondern dürfe durchaus unterhalten: „ Wenn ich bei Spiegel Online den langen, gut recherchierten Hintergrundbericht aus Ägypten gelesen habe […], dann kann ich danach auch zwei kurze, bunte Meldungen aus dem Bereich ,Panorama‘ lesen.“ Es sei laut Borchert ein durchaus „legitimer Anspruch, beides zu wollen und auch beides zu liefern“.

Es ist laut Kritikern tatsächlich  nicht nur die BILD online, die mit boulevardesken Zügen aufwartet, sondern durchaus auch der Spiegel Online gerät ins Visier der Qualitätspioniere. Dazu Katharina Borchert: „Ja, wir sind immer schneller geworden bei Spiegel Online […], wir sind sicher bunter und boulevardesker als das Heft, keine Frage. Aber es ist nicht so, als wären wir in den letzten Jahren nicht auch immer hintergründiger geworden.“ Die Redaktion sei größer geworden und es gebe abseits von den Nachrichtentickern auch genug Zeit für ausführliche Recherche, Hintergrundgespräche. Es ist abzuwarten, in wie fern sich die vermeintlich qualitativen Leitmedien den neuen Anforderungen der Nutzer anpassen, ohne dabei ihre Prinzipien zu verletzen.

Es ist sicher nicht leicht, eine ausgewogene Balance zwischen sehr faktenbasiertem, wenig ausgeschmücktem Journalismus und dem Unterhaltungsbedürfnis der Nutzer zu finden. Manchmal, so verrät es eine Anekdote aus dem Interview mit Katharina Borchert, finden die User ganz eigene Wege, um beides zu verbinden:  „Kürzlich sagte jemand zu mir, er fände das total toll, dass unser Börsenticker immer ungefähr auf Höhe des Panoramaressorts ist, weil er so Morgens bei der Arbeit in der Bank als aller erstes unsere bunten Panorama Nachrichten lesen, aber immer noch behaupten kann, eigentlich hätte er nur auf den Börsenticker geguckt“.

Was will der Leser wirklich?

Wollen die Leser eher umfangreich informiert werden, oder beschränkt sich ihr Bedürfnis eher darauf, gut unterhalten zu werden? Ist im Idealfall eine Kombination aus beidem möglich, ohne eine boulevardeske Tendenz einzuschlagen?

Durch die „Fülle und Komplexität unserer Welt heute“ sei es laut Borchert kaum noch möglich, alles genau zu durchdringen, was außerhalb des unmittelbaren eigenen Interessensgebietes liegt.  Es werde immer schwieriger, Themen wirklich zu durchdringen und zu verstehen. „Ich kann schon verstehen, warum viele Leute irgendwann kapitulieren und einfach nur froh sind, wenn sie ungefähr wissen, was gerade so los ist“, so Borchert.  Eine Schuld an möglichem Qualitätsverlust tragen die Nutzer aber nicht direkt. Das Argument einiger Journalisten, sie würden mit vorgehaltener Waffe von ihren Nutzern gezwungen, nur noch „atemlose, schnelle Nachrichten“ zu machen, sei haltlos.

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