Wandel des Journalismus in osteuropäischen Ländern am Beispiel von Russland

Technische Innovationen, Digitalisierung, veränderte Informations- und Kommunikationsmuster stellen den modernen Journalismus vor neue Herausforderungen. In den letzten Jahren haben wir die neuen Tendenzen sowohl in der Mediengestaltung allgemein als auch in den Journalismuskonzepten beobachtet. Das Web 2.0 hat die klassische Rollenaufteilung zwischen Produzent und Rezipient zur Geschichte gemacht. Heute kann jeder ohne großen Aufwand und Vorkenntnisse in Blogs, durch Social-Media, in Foren oder über Youtube neue Medieninhalte generieren bzw. mit der Welt kommunizieren. Kann sich also heutzutage jeder als Journalist bezeichnen? Wo liegt der Unterschied zwischen professionellen Journalisten und ihren Hobby-Kollegen? Was macht Journalismus innerhalb der Mediengesellschaft aus?

Obwohl die aktuellen Trends in der Medienbranche generell in eine Richtung gehen, sind die landesspezifischen Differenzen deutlich erkennbar. Die Erklärungen dafür findet man meistens in der Geschichte eines Landes, die die Gegenwart geprägt und Auswirkung auf viele bedeutende Wandelprozesse, einschließlich Medien, hat.

Wechselspiel zwischen Politik und Medien

Politik, Massenmedien, Demokratie… Diese drei Dimensionen hängen eng zusammen. So beginnt mit dem Zerfall der Sowjetunion eine neue Phase für Journalismus in osteuropäischen Ländern. Das Ende von kommunistischer Propaganda und Zensur sollten neue Horizonte für die Journalisten öffnen, indem freie Meinungsäußerung und -verbreitung möglich wird. Es könnte ein Neuanfang für unabhängigen Journalismus werden. Es könnte… Aber der Weg vom total kontrollierten Mediensystem hin zu Demokratisierung scheint immer noch viele Hindernisse von der staatlichen Seite zu haben.

Die 90er-Jahre brachten viele Veränderungen. Die Menschen waren es gewohnt, keine eigene Meinung, die der kommunistischen Ideologie widersprach, haben zu dürfen. Mehrjährige Repressionen gegen „Freidenker“ haben tiefe Spuren in dem Massengedächtnis hinterlassen, deswegen sollten die neuen Umstände zuerst verarbeitet werden. Das Mediensystem war davon auch betroffen, da die Rolle der Medien in den postkommunistischen Staaten noch ungewiss war: Ob sie zu einer selbständigen Institution werden oder weiter unter der Kontrolle der Regierung bleiben (vgl. Hribal, abgerufen am 26.11.12). Viele Journalisten haben es versucht, zeitgemäß zu handeln und sich umzuorientieren, um die Grundlage für eine freie und pluralistische Medienlandschaft aufzubauen. Bedrohungen, Verletzungen und Kündigungen waren in einigen Fällen die Reaktion auf die kritischen Meinungsäußerungen gegenüber den Machthabern.

Journalismus in Russland: Online-Medien als Problemlösung?

Es sind schon mehr als zwanzig Jahre nach der Auflösung des kommunistischen Regimes vergangen, die Mediensysteme in Russland und in mehreren postsowjetischen Ländern haben sich seitdem mehrfach umstrukturiert. Und trotzdem stehen in vielen dieser Staaten die Medien  immer noch unter Druck. Journalisten werden bedrängt und drangsaliert, Zugang zu Informationen eingegrenzt.

„Die repressive staatliche Medienstrategie zielt auf zwei Dinge ab. Erstens, die freiwillige Selbstzensur der russischen Journalisten als Konsequenz der individuellen Bedrohung von Journalisten durch staatliche Organe bzw. der Gefahr, dass das Medium als Ganzes staatlichen Repressionen zum Opfer fällt. Und zweitens: Die gezielte Instrumentalisierung der Medien“ (Schlinwein, abgerufen am 26.11.12), die nur vom Staat erwünschte Informationen verbreiten.

Digitale Medien haben die Situation wesentlich verändert und den Journalismus auf die nächste Stufe gebracht. Mit den neuen Kommunikationskanälen (z.B. Blogs, Twitter usw.) kommen zusätzliche Möglichkeiten ins Spiel. Viele Journalisten haben für sich bereits Online Media als Alternative zu den klassischen, inoffiziell zensierten Massenmedia entdeckt und nutzen sie für unabhängige Meinungsäußerung.

Was denken die Experten?

Für einen tieferen Einblick in die Medienwirklichkeit in Russland haben wir einen Experten aus der Medienbranche, Vasily Gatov, Leiter von MediaLab Project bei RIA Novosti (News), Inhaber/ President und Publizist bei 625 Publishing sowie bei 625 Magazine, um seine Meinung zu bestimmten Aspekten gefragt.

Anton Sementsov: Wir beobachten heute eine rasante Entwicklung von neuen Informationstechnologien, was natürlich mehr Möglichkeiten für Informationsanschaffung gibt. Ist, Ihrer Meinung nach, der Zugang zur Informationen in den letzten Jahren wirklich einfacher geworden? Und wie sieht es mit der Qualität aus?

Photo: lenta.ru

Vasily Gatov: Der Zugang ist sicherlich einfacher und „umfassender“ geworden. In den letzten zehn bis zwölf Jahren aktiver Entwicklung der digitalen Medien ist nicht nur ein größerer Informationsumfang verfügbar geworden, sondern hat sich auch die Anzahl der Möglichkeiten, diese Daten zu organisieren bzw. zu strukturieren, deutlich vergrößert. Solche Technologien wie Yandex-News und Google-News sind ein gutes Beispiel für fast an die Grenzen gehende Realisation von künstlicher Intelligenz, wenn man sie mit unstrukturierter Datenmasse vergleicht. Man konnte sich solche Möglichkeiten vor sieben bis acht Jahren gar nicht vorstellen. Was die Qualität dieser Informationen angeht, ist es wie üblich eine Frage der subjektiven bzw. persönlichen Einstelleng. Das Internet bietet genauso viel “qualitative Informationen” wie die anderen Massenmedien auch. Der einzige Unterschied besteht darin, dass es im Internet sozusagen eine Gleichberechtigung aller Quellen und praktisch keine Filtermechanismen (z.B. nach Preis oder Publikumsaufmerksamkeit) gibt und deswegen bekommen wir als Ergebnis mehr „Informationsmüll“ zu sehen. Mit anderen Worten sind auch viele Printausgaben keine intellektuellen Magazine, sondern enthalten Kreuzworträtsel und füttern uns mit „Trash“-Nachrichten. Sie werden aber nicht von jedem gekauft. Hier ist ein bewusster Medienkonsum gefragt, weil im Internet solche Trash-Seiten“ mit entsprechendem Informationsniveau auch versehentlich (z.B. wenn man einem Link folgt) geöffnet werden können.

 Darf ein Journalist solche Web 2.0-Technologien wie soziale Netzwerke, Twitter oder Blogs als zuverlässige Informationsquellen benutzen/ behandeln?

 Das Web 2.0 ermöglicht aktive gegenseitige Kommunikation, Sozialisation und Kontextualisierung des Contents, eine der wichtigsten Vorgehensweisen beim Sammeln und bei der Analyse von Informationen, und bietet einen Weg zu Qualität und Effizienz. Einerseits besteht die Möglichkeit von den Ereignissen direkt von der ersten Quelle bzw. dem Augenzeugen (z.B. über Twitter), in Echtzeit und ohne die zahlreichen Zwischenglieder bzw. Vermittler, zu erfahren, unbezahlbar. Andererseits sollte man die gleichen Bewertungskriterien für die Informationsquellen aus Sozialen Netzwerken wie für die „traditionellen“ Nachrichtenquellen haben, d.h., ohne zwei unabhängige Bestätigungen kann sie nicht als Tatsache gelten.

Heutzutage haben immer mehr Menschen ihren eigenen Blog. Kann man sie auch als Journalisten bezeichnen bzw. betrachten?

 Ja, definitiv, aber nur unter bestimmten Umständen. Und zwar, wenn sie die erforderlichen Bedingungen fürs journalistisches Arbeiten wie z.B. Informationsprüfung, Unterscheidung zwischen einem Fakt und einer Meinung usw., die auch bei den Profis ein Muss sind, erfüllen. Dann kann man solche Blogger als Journalisten betrachten. In dem Fall, wenn ein Blog nur als Werkzeug, um sich selbst auszudrücken, gilt, hat dann ein solcher Blogger viel mehr gemeinsam mit einem Schriftsteller, der eine eigene „deformierte“ Vision von der Realität hat und deswegen nicht die maximal objektive Wiedergabe von Informationen in den Vordergrund stellt.

Wie ist Ihre Einstellung zu den Online-Zeitungsausgaben? Können Sie sich vorstellen, dass schon in Kürze die Printversionen dadurch vollständig ersetzt werden?

Online-Ausgaben von Zeitungen unterscheiden sich von ihren Printversionen […] in Periodizität (die neue Artikel werden auf der Seite mehrmals am Tag aktualisiert) und in interaktiver Kommunikationsform, die es ermöglichen, ein Feedback von Lesern zu bekommen. Außerdem beziehen einige Online-Zeitungen neue Contentformen wie Video und Audio mit ein, die eigentlich für eine Zeitung nicht inhärent sind. Online-Versionen ersetzen traditionelle Printmedien und dieser Prozess wird immer schneller, da er durch die Verbreitung bzw. Nutzung von Smartphones, Tablet-PCs und Laptops praktisch unterstützt wird.

Was denken Sie, welchen Medien vertraut man heute mehr?

Mehr Vertrauen genießen diese Medien, die den Lesern relevante und ihren Interessen entsprechende Themen anbieten. Ob diese Information auf dem Papier, auf dem Bildschirm oder mittels Lautsprecher vermittelt wird, ist von geringerer Relevanz. Online-Medien sind interaktiv […], was sie für die Rezipienten, für die wichtig ist, die eigene Meinung mitteilen zu können, attraktiver macht. Das betrifft insbesondere junge Generationen, deren Besonderheiten kritisches Denken und pragmatische Analyse von Informationen sind. Dementsprechend vertrauen sie mehr Online-Medien.

Wie würden Sie die Meinungsfreiheit in Russland bewerten? Werden die Online Medien in Russland zensiert?

 Die Meinungsfreiheit im Internet ist höher im Vergleich zu Printmedien, aber die Verantwortung für die Aussagen ist auch niedriger. In Russland gibt es keine Massenmedien, die der Zensur – im wahren Sinne des Wortes – ausgesetzt sind. Was wir heute darunter verstehen, ist eine politische Kontrolle noch in der Vorbereitungsphase, also vor der Veröffentlichung. Es wird eine Tagesordnung bestimmt und die Meinungen und Quellen nach dem Prinzip „akzeptabel“ oder „unakzeptabel“ verteilt. In Online Medien zeigt sich keine politische Kontrolle, mit Ausnahme von denjenigen Redaktionen, die sich einer politischen Struktur freiwillig verpflichtet haben. Wo es keine Verpflichtungen gibt, existiert die politische Kontrolle nur in Form der Unzufriedenheit der politischen Akteure mit dem bereits veröffentlichten Kontext.

Aus Ihrer Erfahrung, welche Herausforderungen stehen vor den Journalisten in dem digitalen Zeitalter?

 Vor allem die Fähigkeit mit Informationsmengen zu arbeiten, die in der medialen Welt ganz verschiedene Formen annehmen, inklusive derjenigen, mit denen der Umgang während des Studiums nicht gelernt wird. So z.B. der Problembereich „Informationsflut“, nicht strukturierter Content usw. Dazu kommt die Notwendigkeit, sich schnell neue Kommunikationswege anzueignen und den neuen Spielregeln anzupassen, weil zukünftig statt Facebook ein neues Soziales Netzwerk kommt sowie Twitter durch ein anderes Medium ersetzt wird usw., deren Arbeitsweisen im Hinblick auf Informationen von den bereits existierenden abweichen können.

Und der letzte Punkt: Ein professioneller Online-Journalist muss über standhafte ethische Prinzipien verfügen, denn die Interaktivität und Variabilität des digitalen Umfelds kann schon eine harte Probe werden, weil man ständig „provoziert“ wird, ohne Faktenüberprüfung, die Texte einfach abzuschreiben.

Welche Vor- und Nachteile des Online-Journalismus würden Sie nennen?

Genau die gleichen, die der Offline-Journalismus hat, aber nur mit Verschärfung einiger traditioneller „Krankheiten“  wie Oberflächlichkeit, das Fehlen von Originalität, Konzentration auf Form statt Inhalt. ABER: im Großen und Ganzen ist alles relativ gleich schlecht.

Und zum Schluss würden wir gerne wissen wie Sie die Zukunft des Journalismus in Russland sehen?

 Uns erwarten schwierige, aber trotzdem interessante Zeiten. In dem journalistischen Berufsfeld finden massive und nicht immer linear verlaufende Veränderungen statt, was insbesondere die Kompetenzen betrifft. Leider steht Russland nicht an der Spitze dieses Wandels, obwohl wir relativ weit vorne liegen, wenn es um die Technologie geht. Unsere Zukunft hängt vor allem von ideenreichen Köpfen, Fähigkeiten, Offenheit und Ehrlichkeit ab, nicht von mehr, aber auch nicht von weniger.

Zusätzliche Quellen:

  1. Hribal, Lucie (2003): Medien und Demokratisierung in Osteuropa
  2. Schlindwein, Simone: Zwischen Propaganda und Kommerz – Medien(un)freiheit in Südost-, Mittelost- und Osteuropa

 

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