Der Einfluss des World Wide Web auf den Printjournalismus

In den Zeiten des World Wide Web, das rund die Hälfte der Bevölkerung der Europäischen Union regelmäßig nutzt, hat es der Journalismus schwer das ehemalige Monopol der Nachrichtenübermittlung zu behaupten. Weltweit  haben rund 20 Prozent der Weltbevölkerung die Möglichkeit online zu gehen und sich so jederzeit die Informationen zu beschaffen, die sie haben möchten.

In den vergangen Jahrzehnten wohnte den Redaktionen und Pressebüros die Aufgabe inne, die Bevölkerung mit den wichtigen Informationen, die aus der ganzen Welt stammen, zu versorgen. Der Beruf des Journalisten war ein angesehener Beruf. Nicht selten schwingt bei dem Berufsbild, vor allem beim investigativen Journalismus,  eine Art Weltverbesserungs- und Aufdeckungsgedanke mit. Mit dem Aufkommen des Internets begann sich dies jedoch zu ändern. Mehr und mehr Menschen begannen sich über das Internet selbst zu informieren. Denn dort werden alle Informationen unvermittelt und vor allem für alle zugänglich dargeboten. Jeder konnte Teil haben am großen Gesamtwerk ‚Internet‘. Partizipation sowie stille Rezeption sind ebenso möglich, wie beispielsweise die Erstellung eines eigenen Blogs. Der Bürger, der nun nicht mehr reiner Rezipient sein möchte, entwickelt sich zu einer Art ‚produser‘, der am Geschehen teilhaben möchte und auch kann.

Sind Journalisten nun überflüssig? Nein. Denn auch wenn sich ihre Arbeitsweise nun verändern muss, was die hohe Zahl der entlassenen Journalisten und Schließungen vieler Redaktionen der letzten Jahre beweist, wird dieser Pressezweig nicht verschwinden. Laut einem Artikel des Goethe-Instituts über Journalismus sind 48.000 Menschen „hauptberuflich und hauptsächlich damit beschäftigt, aktuelle, auf Tatsachen bezogene und relevante Informationen zu sammeln, zu beschreiben und in journalistischen Medien zu veröffentlichen“. Trotz der stetigen Veränderung ist klar, dass das Internet den Beruf des Journalisten nicht überflüssig machen wird. Laut dem Rieplschen Gesetz kann kein neues Medium ein altes Medium komplett verdrängen.

Sich an dieser Aussage orientierend erledigen Journalisten täglich ihre Arbeit und passen sich nach und nach an die gegebenen Veränderungen an.

Aber wohin entwickelt sich der Printjournalismus nun? Es existieren weiterhin Zeitungen, auch wenn einige Verlage und Redaktionen nach und nach schließen müssen, wie vor Kurzem beispielsweise die Redaktion der Financial Times Deutschland. Sie haben seit zwölf Jahren keine schwarzen Zahlen mehr geschrieben, sodass der Aufsichtsrat des Verlags beschlossen hat, die Zeitungsproduktion einzustellen. Aber wie kann das passieren, dass eine Zeitung über ein Jahrzehnt hinweg keinen Gewinn einfährt?

 

 

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen lehrt als Professor an der Universität Tübingen. In einem Interview mit der tagesschau.de über den ‚Untergang‘ der Financial Times Deutschland erklärt er, wie es passieren kann, dass ein Unternehmen wie die FTD Konkurs gehen kann. Auf die Frage aus welchem Grund sich die Financial Times Deutschland nie auf dem deutschen Markt etabliert hat, antwortete Pörksen, dass erstens die Zielgruppe immer eine verhältnismäßig kleine gewesen ist und dass sich zweitens die dreifache Krise des Journalismus negativ auf die Entwicklung der Financial Times Deutschland auswirkte. Mit dieser dreifachen Krise des Journalismus meint Pörksen einerseits die „Abwanderung wichtiger Anzeigen wie Stellen- oder Rubrikenanzeigen“ ins Internet und andererseits den generellen Einbruch des Anzeigenaufkommens. Diese beiden Punkte wirken sich besonders negativ auf die Entwicklung des Zeitungsmarktes aus, da das Tageszeitungs-Konzept zu zwei Dritteln aus Anzeigen finanziert wird. Als letzten Punkt nennt Pörksen eine ‚Kreativitätskrise‘ des gedruckten Journalismus. Diese Krise behandelt die Frage wie sich der „gedruckte Qualitätsjournalismus in einem Klima refinanzieren [lässt], in dem Print als Medium von vorgestern gilt und systematisch tot geredet wird?“ (Welty 2012).

Man könnte daraus schlussfolgern, dass das Internet an dieser Entwicklung des Zeitungsmarktes Schuld trägt. Sicherlich ist dies einerseits korrekt, jedoch lässt Pörksen keinen Zweifel daran, dass die Verlage auch selbst einen entscheidenden Teil zu dieser Entwicklung beigetragen haben: „Sie [hier: die Verlage] haben ihrem Publikum signalisiert, dass Artikel, Recherchen und Features zwar in der Herstellung etwas kosten mögen, aber eben im Netz gratis zu haben sind. Das war ein fatales Signal, weil man so seine Zielgruppe daran gewöhnt hat, dass die eigenen Leistungen nicht vergütet werden müssen“ (Welty 2012). So entsteht in der Gesellschaft eine Haltung, die es verweigert für dieselben Produkte, die es vorher kostenlos gab, Geld zu zahlen. Aus diesem Grund schlägt Pörksen vor, dass sich der Printjournalismus breiter aufstellen sollte. Er sollte die bestehende Finanzierungsmöglichkeit des Anzeigenmarktes durch andere Finanzierungsmöglichkeiten erweitern. Dies könnte beispielsweise das Anbieten von Reisen, den Verkauf von Büchern oder DVDs, das Entwickeln von Communities sein. So könnte der Printjournalismus auch seine Leser an sich binden. Es muss und werde laut Pörksen Versuche geben, die Gratiskultur aufzubrechen und so auf bezahlten Printjournalismus zu setzten und Kooperationen zwischen dem Print- und dem Onlinejournalismus aufzubauen. Immerhin gibt es beispielsweise bei der ‚New York Times‘ schon längere Zeit ein funktionierendes Paid-Content-System, bei dem der Leser nur eine gewisse Anzahl an Artikeln kostenfrei lesen kann und danach bezahlen muss um weiterlesen zu können (Welty 2012). Dennoch muss man diesen Ansatz von Pörksen auch kritisch betrachten, da die Gewöhnung der Menschen an die Gratiskultur im Internet sicherlich nicht der einzige Grund für die derzeitigen Entwicklungen sind.

Nach Pörksen ist die einzige Möglichkeit des Printjournalismus auch in Zukunft erfolgreich zu bestehen die, dass sie selbst die Qualität des eigenen Produktes thematisieren und so die gesellschaftlichen Schichten davon überzeugen, dass das teuer hergestellte Produkt ‚Nachricht‘ auch bezahlt werden muss. Auch wenn man so nicht hundertprozentig sagen kann, ob der Zeitungsmarkt noch in 10 Jahren vorzufinden ist, so hofft der Medienwissenschaftler Pörksen, dass zumindest die Idee der Zeitung noch existieren wird. Dabei handelt es sich „- idealerweise – um einen entschleunigten, nachdenklichen Journalismus. Zeitungen sind gerade in Zeiten hektischer Dauerkommunikation Medien des zweiten Gedankens; sie leisten die tiefenscharfe Recherche und eine genaue, unabhängige Beobachtung, die diese Gesellschaft dringend braucht. Für diese Idee der Zeitung lohnt es sich zu streiten“ (Welty 2012).

In diese Medien zweiten Gedankens wurde viel Arbeit und Zeit investiert, die auf irgendeine Art und Weise entlohnt werden muss. Nur so können die Zeitungen wieder schwarze Zahlen schreiben und aufhören ihre Journalisten zu entlassen. Auch wenn nicht alle Beteiligten hinter dem Paid-Content-System stehen, weiß jeder, dass es so wie es zurzeit ist nicht weiter gehen kann.

Studien zum Thema fanden heraus, dass je mehr das Internet in einem Bereich als Nachrichtenmedium genutzt wird, desto höher sind die Einbußen der Zeitungen dieses Bereichs (Koehler 2007). Bedeutet dies nun, dass das World Wide Web tatsächlich den Zeitungsmarkt verdrängt?

Einerseits wurde die damals vorherrschende Stellung der Zeitungen im Laufe der Zeit immer mehr durch das Internet zurück gedrängt, was auch weiterhin geschehen wird, wenn der Printjournalismus am bestehenden Finanzierungskonzept festhält. Andererseits ist die stetige Veränderung der Medienlandschaft schon immer existent gewesen. Es ist von alten Medienübergängen bzw. –entwicklungen bekannt, dass das ‚ältere‘ vorherrschende Medium langsam von dem neuen Medium in eine Randposition gedrängt wird ohne ganz zu verschwinden. So bedeutet das Internet für die Zeitung nicht das Ende der Existenz, sondern ‚lediglich‘ das Ende der bis dahin gelebten Existenz. Das Internet mit seinen neuen Möglichkeiten läuft der Zeitung in einigen Punkten den Rang ab, sodass der Zeitungsmarkt zur Veränderung gedrängt wird. Ein Beispiel hierür wäre die Konzentration der Tageszeitungen auf die regionale Verankerung, wie Dominik Leitner in seinem Blog behauptet. Wichtig ist jedoch zu beachten, dass kein Medium (auch nicht das Internet) entwickelt wird ohne dass eine Notwendigkeit darin gesehen wurde. Die Frage lautet also, ob das Internet den Printjournalismus in diese Lage gebracht hat oder ob der Printjournalismus für die Entstehung und den Siegeszug des Internets mitverantwortlich ist?

Quellen:

Koehler, Benedikt (2007): Online verdrängt Print: Studie befasst sich mit den Digitalisierungsverlierern Tageszeitungen.
http://blog.metaroll.de/2007/12/12/online-verdraengt-print-studie-befasst-sich-mit-den-digitalisierungsverlierern-tageszeitungen/, abgerufen am 27.11.2012

Welty, Ute (2012): Die Lust an der Apokalypse ist groß. http://www.tagesschau.de/wirtschaft/zeitungssterben100.html, abgerufen am 27.11.2012

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